Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld

Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis – 26. Juli 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Gemeinde!

Ein Vater sitzt am Rand des Sandkastens und feuert seinen Sprössling an: „Gib bloß keines deiner Förmchen her. Sie gehören dir. Dir allein. Lass dir nichts wegnehmen. Sei nicht blöd. Die anderen Kinder wollen dich nur ausnutzen.
...
Geiz ist geil.“

Kann man seinem Kind eine solche Ermahnung auf seinen Lebensweg mitgeben? Ist das überhaupt moralisch zulässig? Zugegeben: Die Szene ist erfunden. Aber ist sie unmöglich? Denn die Anweisung des Vaters trifft Haltungen, Wünsche und Bedürfnisse unserer Zeit. Viele unserer Zeitgenossen denken schlicht und einfach erstmal an sich und ihren Besitz.

Nicht nur Klopapier wurde gehortet und Schutzmasken an den Grenzen für den eigenen Gebrauch abgefangen, auch beim Projekt der Europäischen Union, wo es um die Verteilung von Geld zur Krisenbewältigung geht, gibt es die Sparsamen oder geizigen Fünf, Länder, die sich nichts wegnehmen lassen wollen. Gut, man hat sich jetzt – Gott sei Dank! – geeinigt. Aber bei Geld hört die Freundschaft meistens auf.

„Geiz ist geil!“ Dieser Werbespruch einer großen Elektromarktgruppe ist ein geflügeltes Wort unserer Alltagssprache geworden. Nicht nur beim Kauf achten wir darauf, geizig zu sein. Wohin das führt, zeigten unlängst die menschenunwürdigen Bedingungen in großen deutschen Schlachthöfen. Geiz auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt ist geil. Das scheint ein gesellschaftlicher Wert zu sein.

„Geiz ist geil!“ Ist das nur ein Werbeslogan oder mehr? Vielleicht die Überschrift über eine Zeit? Es ist eine bestimmte Art, Kosten und Nutzen zu berechnen. Es gibt auch andere Slogans, die genau das ausdrücken: „Unterm Strich zähl ich“, zum Beispiel. Oder: „Ich bin doch nicht blöd!“ Egoismus, Gier und Geiz – für die katholische Theologie zählen sie zu den sogenannten Todsünden. Die sieben Todsünden sind erstens Hochmut, also Stolz, Eitelkeit, Übermut; zweitens Geiz, also Habgier, Habsucht; drittens Wollust, also Ausschweifung, Genusssucht, Begehren, Unkeuschheit; viertens Zorn, dazu gehören Jähzorn, Wut, Rachsucht; fünftens Völlerei, was Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Unmäßigkeit, Selbstsucht beinhaltet; sechstens Neid, wozu Eifersucht, Missgunst zählen, sowie siebtens Faulheit, die sich auch in Feigheit, Ignoranz, Überdruss, Trägheit des Herzens zeigt.

Egoismus, Gier und Geiz – sind das unsere Tugenden? Tugenden sind ethische und moralische Lebenshaltungen. Tugenden prägen das Verhalten eines Menschen. Ein Leit- und Erfolgsprinzip scheinen sie jedenfalls häufig zu sein, wie der Fall Wirecard ja zeigt. Das gilt nicht nur für die sogenannten gierigen Manager, Bänker und Politiker, denn auch du und ich kaufen das, was mit solchen Sprüchen beworben wird. Auch wir sind immer auf der Suche nach dem billigsten Angebot. Es ist auch deine und meine Gier, die das „immer größer, schneller und weiter“ antreibt.

Ich hoffe, Sie haben beim Hören der Szene mit dem Vater und seinem Sprössling innerlich den Kopf geschüttelt. Wir ahnen, warum die Sucht des Haben-Wollens nach katholischem Verständnis eine Todsünde ist: Sie ist eine der großen Versuchungen des Menschen. Der Evangelist Lukas erzählt in seinem Evangelium von Menschen, die ihr verfallen sind. Dazu gehören Menschen wie der reiche Kornbauer (Lk 12,15 ff.) oder der reiche Mann, der den Armen Lazarus vor seiner Tür darben lässt (Lk 16,19 ff.).

Was ist, wenn eine Todsünde nicht mehr Todsünde heißt, sondern öffentlich als erfolgreicher und gebilligter Werbespruch kursieren konnte und auch heute noch Geltung hat: Kaufen, weil die Mehrwertsteuer herabgesetzt wurde, damit man mehr für sein Geld bekommt. Was passiert unter unseren sehenden Augen im Sandkasten, der die Welt bedeutet? Politisches Handeln orientiert sich an den Propheten des Marktes. Vernunft, Einsicht und Mitgefühl zerbrechen an vermeintlichen Sachzwängen seiner Gesetze. Zum Beispiel, wenn es um sinnvolle Wege des Klimaschutzes geht. Wie wir Menschen ohne diese Welt leben können, hat mir noch keiner erklären können. Allerdings kann ich mir eine ökologische und soziale Marktwirtschaft vorstellen, die dem Lebens- und Menschenschutz Rechnung trägt.

Der Puls der Zeit – und damit auch das Herz – schlägt für einen gefräßigen Gott. Nennen wir ihn schlicht den „Eigennutz“. Er wird zum Leitmotiv guten Wirtschaftens erklärt. Unser Gott – der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, steht für ein anderes Prinzip des Wirtschaftens. Die Bibel erzählt davon, dass dieses andere Prinzip den Himmel öffnen kann. Ich lese aus dem 9. Kapitel des Lukasevangeliums:

Lukas 9,10-17 – Luther 2017: (Die Rückkehr der Zwölf. Die Speisung der Fünftausend)

10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften. 12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, dass sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier an einer einsamen Stätte. 13 Da sprach er zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie aber sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für dieses ganze Volk Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Männer. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich lagern in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich lagern. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und segnete sie, brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was ihnen an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll.

Lukas erzählt die Speisung der 5000 im Zusammenhang der Aussendung der Jünger und Jüngerinnen Jesu. Jesus schickt seine Leute in die Dörfer, damit sie anfangen, das zu tun, was er tut: Die gute Botschaft vom Reich Gottes weitergeben. Heilen, Menschen froh und glücklich machen; sie in seine Nachfolge rufen. Und die Sendung in die Welt und zu den Menschen ging ja nach seiner Auferstehung weiter, so, wie Jesus es befohlen hatte: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ (Mt 28,19 f.) Bei jeder Taufe wird dieser Text verlesen. Ohne diesen Auftrag wären wir heute hier nicht versammelt.

Ein Wunder geschieht. Es ist keine Hexerei. Es ist keine Magie. Diese Unterscheidung ist wichtig. Biblische Wunder verweisen in die Tiefe des Menschseins. Sie zeigen, wie sich dort der Himmel öffnen kann. Denn wer sich mit Gott verbunden weiß, kann aus der Fülle schöpfen. Die Geschichte der Speisung erzählt davon, wie Wunder unter uns Menschen geschehen können. Wunder sind konkret: „Gebt ihr ihnen zu essen“. Jesus ist sehr praktisch und konkret. So, dass jeder und jede versteht, wie es wirklich geht, jenseits vermeintlicher Sachzwänge von „Wir haben nicht mehr als …“. In schlichten Anweisungen und Handlungen: Lagern. Danken. Teilen. Hier wird anders gerechnet, als im Markt. Kein Kalkulieren mit unumgänglichen Gesetzen. Kein „Was bringt es auf der Haben-Seite?“ Keine Einteilung in die, die dazugehören und die, die draußen bleiben müssen. Doch auf der anderen Seite der Gleichung steht: Alle werden satt. Die Fülle des Himmlischen bleibt übrig.

Im Miteinander-Teilen, im Feiern der Gegenwart Jesu Christi, symbolisiert in Brot und Wein beginnt eine neue Form des Wirtschaftens. Die Geschichte von der Speisung der Vielen erzählt zugleich: Das ist keine geschlossene Gesellschaft, sondern eine offene: Fremde und Unbekannte gehören dazu. Alle werden satt. Wie soll das gehen? Wie soll dieses Wunder geschehen: Wenn alle – sozusagen „die ganze Welt“ – etwas abbekommen sollen und immer noch werden alle satt?

Die Geschichte ist auch eine Symbolgeschichte. Das zeigen die Zahlen, genauer: Das Geheimnis der Zahlen erzählt uns etwas von der göttlichen Mathematik.
Zunächst die Zahl „Fünf“. Fünf Brote gibt es. Fünf – wie die fünf Bücher der Tora, die fünf Bücher Mose. In ihnen ist die Fülle der Weisungen Gottes gesammelt. Die Zahl Fünf weist auf die Orientierung an Gottes Wort. Sie verheißen Freude und Fülle. Süß ist das Studium der Tora, das Studium des Gottes Wortes in der jüdischen Tradition: Wer beginnt, die Tora zu studieren, taucht nach jüdischer Tradition symbolisch einen Buchstaben in Honig und schmeckt davon. Göttliches Haushalten folgt nicht den Gesetzen des Mangels, der Verknappung, des Strebens nach „mehr“. Darum braucht in ihrem Geltungsbereich niemand Angst zu haben, zu kurz zu kommen. Mit der Zahl „Fünf“ wird gesagt: Alles ist da. In Gott ist euer Leben gehalten, voll und süß. Wer sich von Gottes Weisungen führen lässt, der gewinnt. Dem ist die Fülle der göttlichen Gnade und Liebe gewiss, die sich nicht mit Geld und Besitz aufwiegen lässt.

In dieser Gewissheit begegnet die Fülle der Fünf der Zwei des Zwiespalts. Sie verweist auf das Leben im Irdischen, in der Endlichkeit, in den Gegensätzen. Zwei Fische zeigen: Was hier geschieht, geschieht im Wissen um die Wirklichkeit und trotz der Realität der materiellen Welt mit ihren so ganz anderen Prinzipien und Gesetzen, mit einer anderen Form des Wirtschaftens. Wer den Weg der Fülle und der Wunder des Teilens geht, geht ihn inmitten der Welt mit allen Begrenztheiten – mit allem, was das an persönlichen Konsequenzen bedeutet. Wer teilt, gibt wirklich etwas ab. So konkret, wie das in der Geschichte geschieht: Lagern, Danken, Teilen. Er oder sie ist keine Traumtänzerin, kein Spinner. Obwohl ein Slogan wie „Ich bin doch nicht blöd“ sie so erscheinen lassen könnte. Wer so handelt, weiß, was er oder sie tut.

Wer aus der Fülle Gottes schöpft und danach handelt, folgt einer Vision: Der Vision der Zwölf. Zwölf, wie die zwölf Körbe, die übrigbleiben. Eine Zahl der Überfülle, des himmlischen Jerusalem mit seinen zwölf Toren. „Weißt du, wo der Himmel ist – außen oder innen? Eine Handbreit rechts und links. Du bist mittendrinnen!“ – dichtet Wilhelm Willms. Wer mit Blick auf diese Vision handelt, weiß: Im Licht der Ewigkeit betrachtet, wird anders gewogen, als auf den Waagschalen des Marktes. Schon heute und schon jetzt. In diesem Licht zählt nicht der Augenblick der schnellen Befriedigung. Nicht Gier und Geiz, nicht „unterm Strich zähl ich“.

Das Leben in der Perspektive Jesu Christi ist ein anderes als Egoismus, Gier und Geiz vorschreiben. Es steht in der göttlichen Fülle.

Das, was Jesus hier tut, ist wunderbar, weil es hier und jetzt Wunder wirkt. Weil aus solchem Handeln ein Fest des Lebens wird. Als Leib Christi feiern wir diese große Fülle, dieses große Fest. Am Tisch Jesu Christi, im Abendmahl, schmecken wir sie und sehen sie. Leiblich. Sinnlich. Konkret.

Doch – noch einmal: Sollte das wirklich für alle möglich sein? Können wir „Kleinen“ etwas im „Großen“ verändern? Dem Wirtschaften dieser Welt mit der so anderen Haushaltung Gottes in die Arme fallen? Den Himmel auf die Erde holen? Kann das Prinzip „aus der Fülle schöpfen“ im Blick auf Finanzen, Energieressourcen, globale Gerechtigkeit wirksam werden?

Ja, es kann nicht nur, sondern es ist so. Denn es gibt keine Großen und Kleinen, sondern schlicht und einfach handelnde Menschen. Vieles, was global bewegt wird, fängt mit meinem und deinem Alltagsverhalten an. Wenn ich anders kaufe, wenn ich darauf achte, dass Dinge fair hergestellt werden, dann wird es dafür auch ein Angebot geben. Denn die Nachfrage bestimmt, was auf unserem Markt angeboten wird. Darauf achten, dass Finanzanlagen – der Familie, des Vereins, der Gemeinde, der Gesamtkirche – nach ethischen Prinzipien verwaltet werden: ökologisch, ressourcenschonend, sozial verträglich. Auch, wenn es auf den Märkten dafür weniger Zinsen gibt. Aber der FairWorldFond, der auch von „Brot für die Welt“ beraten wird, ist in der Corona-Krise nicht so abgestürzt wie andere Fonds. Ich kann beim Einkaufen genau hinschauen: Woher kommen die Produkte, welche Marken haben sich durch ihr Marktverhalten sowohl in positiver als auch in negativer Weise hervorgetan? Zeit, Kraft und Geld dafür einsetzen, diejenigen zu stärken und zu stützen, die dem Prinzip „Geiz ist geil“ widerstehen.
Wann immer wir jenem Vater im Sandkasten begegnen – und wir begegnen ihm, in uns selbst, im eigenen Haus, immer wieder, da bin ich sicher! – da haben wir ihm etwas entgegenzuhalten.

„Sieh, wie schön und wie angenehm ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen!“ dichtet der Psalmbeter in Psalm 133,1. Wenn Christen als Geschwister teilen und dadurch „keiner ist, der Mangel hat“ (Apg 4,32 ff.). Wenn Menschen ein Stück Himmel erleben, weil es unter ihnen solche gibt, die an den Himmel glauben.

Unterm Strich zählt, was vor Gott, dem Ewigen, Bestand hat: für die Welt. Und dadurch auch für mich. Denn Jesus Christus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“, hat Jesus im Johannesevangelium gesagt 6,35.
Amen.

Gottesdienst zum 6. Sonntag nach Trinitatis - 19. Juli 2020
(nach einer Vorlage von Pfarrer Ralf Ruckert)

Liebe Gemeinde,

Hans kommt vom Dienst. Das braune Hemd ist an den Ellenbogen mal wieder mit Dreck und auf der Brust mit Blut von der Nase verschmiert. Ein Knopf ist ab. Sie haben ihn mal wieder verprügelt. Warum er sich nicht wehrt, fragt ihn der
...
Jungzugführer. Er soll stark sein. "Wie will denn so eine Memme für den Führer kämpfen?", heißt es in der Hitlerjugend.

Hans will ja stark sein. Aber es sind nicht nur die Muskeln oder die Puste, die ihm manchmal fehlen. Es fehlt ihm auch der Mumm, wirklich die Faust zu ballen und mit aller Kraft zuzuschlagen.

Er hat irgendwie Angst davor, was seine eigene Kraft bewirken kann.
Sie pöbeln ihn an. Manchmal schreit er zurück. Oft werden sie handgreiflich. Sie wissen, dass er leichte Beute ist. Mal will sich dieser, mal jener von den anderen beweisen. Peter und Reinhold, die mal seine Freunde waren, heulen jetzt mit den Wölfen. Dem Führer schwören sie jeden Tag die Treue, aber dem Hans nicht. Er ist nicht hart wie Kruppstahl. Bei den Mädchen sind einige, mit denen kommt er ganz gut klar, aber sich mit ihnen sehen lassen? Er ist doch ein Mann und muss bei Männern sein!

Hans ist viel sich selbst überlassen. Der Vater ist an der Front. Manchmal fällt der Unterricht aus, weil von den Lehrern auch viele weg sind. Mit der Mutter kann er nicht rechnen.

Sie näht für andere Leute, mal daheim und mal bei denen. Und seit kurzem muss sie den kleinen Wolfgang versorgen. Der ist ein Mitbringsel von Vaters letztem Heimaturlaub, sagt sie und lacht dann.

Der Urlaub war kurz, aber gemütlich. Sie haben viel zusammen gemacht. Jetzt sind sie wieder zu dritt, aber statt Vater ist eben Wolfgang da. Während es mit Vater gemütlich war, schreit Wolfgang oft. Außerdem muss Hans ihn ausfahren und dann schon wieder so mädchenhaft sein. Dabei ist ja der Kleine ganz süß, bloß meistens schrecklich lästig.

Wenn sie miteinander reden, Mutter und Hans, dann streiten sie oft. Zuletzt wegen Wolfgangs Taufe. Mutter will ihn zum Pfarrer bringen. Er soll in der Kirche getauft werden.
Hans will, dass Wolfgang eine Namensweihe kriegt. Dann könnte er vielleicht bei den anderen damit angeben. "Mein Bruder ist ein echter deutscher Junge", würde er sagen. Er könnte damit prahlen, dass einer von der SS zur Feier zu ihnen gekommen wäre.

Aber die Mutter will nicht. "Kirche ist nur für alte Weiber!", hat Hans da gebrüllt und Türen geschlagen. Heute ist die Wohnung wieder mal leer. Wahrscheinlich ist Mutter mit Wolfgang irgendwo für irgendwas anstehen gegangen. Wenn er allein ist und ihn keiner sieht, kann er sich trauen, was er bei den anderen immer unterdrücken muss: Rotz und Wasser heulen.

Der Kummer sucht sich einen Weg. Er geht über in Aggression. Hans tritt, so fest er kann, gegen die Anrichte im Flur. Einmal - da fallen schon die ersten Sachen runter -, zweimal, nochmal. Etwas klirrt und geht in Stücke. Hans schluchzt. Aber das Rauslassen der Wut hat ihm gutgetan. Er kann wieder besser durchatmen. Mit dem Taschentuch, das ihm die Mutter heute Morgen eingesteckt hat, putzt er sich die Nase, sieht sich die Bescherung an.

Einiges liegt verstreut am Boden: Ein paar Strohblumen, ein paar Bücher -, die werden wohl nicht ganz ohne Eselsohren davonkommen -, aber dazwischen -, und das ist bedauerlich: Mamas und Papas Hochzeitsfoto, der Rahmen in Scherben. Gleich kriegt er ein schlechtes Gewissen. Das haben die beiden nicht verdient. Wenigstens aufräumen, bevor sie wiederkommt, sich für den kaputten Rahmen eine Ausrede einfallen lassen.

Vorsichtig, wie man ein Küken aus dem Nest heben würde, zieht Hans das Foto aus dem Scherbenhaufen und legt es an einen sicheren Ort. Als er mit den Scherben fertig ist, geht es ans Bücher-Aufheben. Mittendrin: Mamas Bibel. Sie hat sich im Fallen geöffnet und liegt auf der Innenseite. Wie gesagt: Eselsohren.

Er ist vierzehn und kein Baby mehr, das man mit irgendwelchen Engelchen und Wundergeschichten hinters Licht führen kann. Warum er trotzdem neugierig ist, kann er selber nicht sagen.

Wo hat sich wohl die Bibel aufgeschlagen? Ist es eine Geschichte, die er kennt? Beim Glattstreichen des Papiers fängt er an zu lesen:

(5. Mose 7,6-12)
6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Liebe Gemeinde, ach du Schreck! Ein heiliges Volk? Von Gott auserwählt? Der Text ist doch für Israel geschrieben, für die Juden! Wenn es diesen Gott gibt, an den die Mutter glaubt und zu dem er selber mal gebetet hat, als er noch ein Kind war, dann muss dieser Gott sich wohl irgendwo zeigen. Aber dass er mit den Juden angefangen hat, das muss doch ein dummer Zufall gewesen sein oder ein Versehen. Aber hier steht etwas von heiligem und geliebtem Volk! Das konnte doch unmöglich diesen Untermenschen gelten. Heilig? Geliebt? Das Volk, das alle hassen?

Hans hatten sie nämlich erzählt, dass die Vorsehung den Führer und das deutsche Volk auserwählt und geheiligt hätte, das Stärkste und Beste, was es auf der Welt gibt.
Seine erste Reaktion ist: Wegwerfen oder besser noch verbrennen. Heimlich! Keiner darf wissen, dass sie so eine verbotene Lektüre im Haus haben. Obwohl - er weiß natürlich: Eigentlich ist die Bibel nicht verboten, aber was da drinsteht, das ist ja Volksverhetzung, das ist ja staatsfeindlich.

Gerade das Verbotene wirkt aber auf eine eigenartige Weise auch anziehend. Angewidert und gereizt zugleich liest Hans noch einmal. Und an der einen Stelle bleibt sein Blick haften:

"Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat."

Warum sollte einer das Kleinste lieben und erwählen? Man will sich doch nicht unnütz eine Last auflegen, indem man sich mit Schwächlingen abgibt, die einem gar nichts nützen. Aber dann fällt ihm Wolfgang ein. Den haben sie ja auch lieb, er und die Mutter.

Soll es etwa nicht richtig sein, dass das Stärkste immer das Beste ist? Vielleicht muss man gar nicht um jeden Preis stark und unverwundbar sein, um heilig, geliebt und angenommen zu sein.

Wer da spricht, will seine Leute nicht knechten, bloß weil sie es mit sich machen lassen. Wahrscheinlich ist er selber so stark, dass selbst die Stärksten vor ihm noch schwach sind. Er will sie aus der Knechtschaft erlösen. Und er will ihnen treu sein. Bei ihm gibt es kein Sich-Abwenden, bloß weil einer nicht mithalten kann. Der ist nicht wie Peter und Reinhold. Der liebt die! Das ist nochmal etwas anderes.

Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Die Mutter steht vor der Tür: "Wie sieht´s denn hier aus! Was machst du da?" - "Mama, wir wollen den Kleinen taufen lassen. Und ich wüsste auch schon, worüber der Pfarrer predigen könnte:

"Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker -, denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat."

Liebe Gemeinde, mit der Taufe werden wir Gottes Kinder. Gott ruft uns und stellt sich uns zur Seite. Das hat und sollte auch Folgen für unser Leben haben. Dass wir als Gottes Kinder von seinem Licht Zeugnis ablegen, es zu den Menschen bringen. Getauft sein heißt: Geht in die Welt, lebt aus der Taufe und aus der Freude an Gottes Güte und Gnade. Tragt das Licht in die Dunkelheit der Welt und lasst es auch in euren Seelen scheinen. Auf diesem Weg sind wir nicht allein, nicht allein mit unseren Ängsten und Sorgen, unseren Fragen und Zweifeln, wie Hans in unserer Geschichte. Denn die Zusage Gottes gilt: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt!" Amen.

Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis – 12. Juli 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Gemeinde!

Es ist Urlaubszeit. Manche bleiben im eigenen Land, andere fahren ins Ausland. Wieder andere bleiben zu Hause. Alles hängt davon ab, welche Möglichkeiten jeder Einzelne hat, an Geld, an Zeit, an dem, was die Corona-Krise zulässt.
...
Es ist aber auch die Zeit, in der manche Menschen darüber nachdenken und schimpfen, was alles in anderen Ländern unter Corona-Bedingungen möglich ist, nur im eigenen Lande nicht.

Manche reden das Krisenmanagement der Bundesregierung schlecht, andere loben es, wieder andere würden es an einzelnen Punkten anders und damit besser machen. Aber nach der Krise werden alle klüger sein. Es gibt keinen Masterplan, wie man mit einer unbekannten Gefahr umzugehen hat. Jedenfalls wehren sich die Angegriffenen und Kritisierten und schlagen mit Worten zurück. Um begründete Argumente geht es manchmal gar nicht mehr.

Im Leben ist es wie beim Fußball, da wissen auch alle nach dem Spiel, wie es hätte besser laufen können. Oder an der Börse: Hätte man zu Beginn des Handelstages gewusst, was im Laufe des Tages geschieht, so hätte man im wahrsten Sinne anderes gehandelt. Am Abend kommen dann die großen Erklärer, die es besser gewusst haben.
Mit der Besserwisserei, dem permanenten Kritisieren, den Sticheleien oder auch mit dem beredten Schweigen – da, wo man hätte miteinander reden müssen – vergiftet man die zwischenmenschliche Atmosphäre. Worte können aufbauen. Worte können aber auch verletzen. Worte erzeugen eine Wirklichkeit und eine Atmosphäre zwischen uns Menschen.

Die Wirkung von verletzenden Worten und Erfahrungen zeigt sich daran, dass ein negatives Wort, eine negative Erfahrung nur mit fünf positiven Worten und Erfahrungen aufgehoben werden kann, wenn überhaupt. Das besagen psychologische Untersuchungen.

Wir Menschen neigen dazu, uns im Ton zu vergreifen. Wir stehen immer wieder in der Gefahr, dass wir im Ärger über einen anderen ein vernichtendes Urteil fällen oder dem anderen etwas an den Kopf werfen, was wir sonst nie so sagen würden.

Ich glaube, wir Menschen neigen dazu, wenn wir uns selbst angegriffen fühlen, mit Worten zurückzuschlagen. Und nicht nur dann. Was andere Leute falsch machen, das sehen wir natürlich viel eher, besser und klarer als das, was bei uns selbst nicht stimmt. Dieses Problem ist so alt wie die Menschheit. Wie bei den berühmten Worten Jesu aus unserem Predigttext, die schon fast sprichwörtlich geworden sind:

Lukas 6 (Neue Genfer Übersetzung, NGÜ):
41 Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst? 42 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ›Bruder, halt still! Ich will den Splitter herausziehen, der in deinem Auge sitzt‹ – und bemerkst dabei den Balken im eigenen Auge nicht? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann wirst du klar sehen und kannst den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, herausziehen.«

Betrachte ich mich und mein Leben, so erwische ich mich auch häufig bei einer solchen Handlung: Ich sehe die Fehler der anderen und meine eigenen will ich nicht wahrhaben. Ich weiß auch, dass man mit negativer Kritik nicht weit kommt, und doch neige ich dazu, andere Menschen zu kritisieren, obwohl ich selbst nicht perfekt bin. Damit meine ich nicht, dass man Falsches und Schlechtes nicht ansprechen darf und soll, aber es kommt auf die Haltung an. Werte ich den anderen ab oder suche ich mit dem anderen nach der besten Lösung?

Von Jesus sind eine ganze Reihe solcher Verhaltensregeln im Umgang miteinander überliefert. Genauso bekannt wie die Geschichte mit dem Balken ist das Wort aus der Bergpredigt: „Ich, Jesus, aber sage euch: Setzt euch nicht zur Wehr gegen den, der euch etwas Böses antut. Im Gegenteil: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die linke hin.“ (Mt 5,39 – NGÜ)

Diese Sätze Jesu sind vielen Menschen vertraut. Ich habe allerdings den Verdacht, dass die meisten bei diesen Worten an eine Generation von Menschen denken, die heute fast ausgestorben ist: An den friedensbewegten, Müsli-essenden Öko, der nur fair gehandelte Lebensmittel zu sich nimmt und selbstgestrickte Socken in ausgetretenen Sandalen trägt. Menschen, die man neben einer gewissen Bewunderung doch eher belächelt.
Und so ist manch christlicher Grundsatz zur Parole von Träumern und Spinnern geworden. Heute sind wir darüber hinaus. Wir haben erkannt, dass das Leben seine Härten hat. Dass man auch die Ellenbogen braucht, um sich durchzusetzen. Dass es manchmal strategisch gut ist, eine christliche Gesinnung zu vertreten, aber dass man sich auch nicht alles bieten lassen kann und soll. Vielleicht liegt das daran, dass wir gegenüber den Menschen der 1980er Jahre nicht mehr von Visionen und Träumen leben, dem Traum einer friedlichen, gerechten, solidarischen und nachhaltigen Welt, sondern dass wir realistischer sind, weil sich die Weltsituation geändert hat, weil es im wirklichen Leben eben nicht anderes geht.

Wie gehen wir also mit den Worten der Bibel um? Mit den Anweisungen Jesu für ein Leben in der Verantwortung für unseren Nächsten? Die Zeiten haben sich vielleicht geändert. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist der Wunsch des Menschen nach einem gelungenen Leben. In den Buchhandlungen quellen die Regale über mit Ratgebern und Lebensweisheitskompendien jeder Sorte – vom Bildband mit Bibelsprüchen bis hin zu den Lehren fernöstlicher Meister. Offenbar braucht der Mensch immer wieder Leitlinien für sein Verhalten. Auch die gegenwärtige Philosophie hat die Frage des Sokrates wiederentdeckt – „Wie wir gut leben können und sollen“. Wir suchen Menschen und Positionen, an denen wir uns orientieren können, Menschen, die mit dem, was sie sagen und tun, für uns wegweisend und hilfreich sind.

Es gibt bestimmte elementare Grundsätze für das Zusammenleben von Menschen, die sind kulturübergreifend, universal. Das ist meiner Meinung damit nach zu begründen, dass Werte universal und allgemeingültig sind, unabhängig von der jeweiligen Zeit und dem kulturellen Umfeld. Ein universaler Grundsatz oder Wert liegt auch den Worten Jesu zugrunde, wenn er über unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen spricht: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Wenn du ein Urteil über jemanden fällst, dann überleg dir zuerst, wie es bei ihm ankommt. Und bewahre dir immer auch ein wenig Selbstkritik. Denn wir sind alle nicht perfekt. Wenn wir nachsichtig mit dem anderen und mit uns sind, dann tragen wir zu einem guten Zusammenleben unter den Menschen bei. Wenn wir uns selbst immer wieder bewusst machen, dass wir Fehler machen, können wir auch mit den Fehlern anderer ganz anders umgehen. Auf alle Fälle mit Leichtigkeit.

Bis dahin ist es eine ganz gewöhnliche Lebensweisheit. Jesus spricht nichts aus, was den Menschen nicht auch vorher schon in Ansätzen klar war. Das Neue und Entscheidende an den Worten Jesu ist aber etwas anderes. Die Einsichten sind nicht das Ergebnis intensiver Lebenserfahrung oder der Beobachtung menschlichen Verhaltens oder die philosophische Untersuchung von Werten. Nicht wir tun etwas, sondern uns widerfährt etwas, konkreter: Gott wendet sich uns in seiner Barmherzigkeit zu. Gott zeigt sich uns als der Barmherzige. Das griechische Wort für Barmherzigkeit „eleos“ bedeutet mitleiden, erbarmen. Genauso wie der Samariter „barmherzig“ gegenüber dem ist, der von den Räubern überfallen wurde und nun verletzt halbtot auf dem Wege liegt (Lk 10, 25-37): An diesem Gleichnis Jesu sehen wir, was göttliche Barmherzigkeit bedeutet. Wir sehen hier ganz deutlich, was Barmherzigkeit bedeutet: Erstens, der Samariter hat Mitleid mit dem Verletzten; er ist emotional betroffen. Zweitens, er lässt sich von seinem geplanten Zielen abhalten, er unterbricht seinen Weg und geht zu dem Verletzten hin. Drittens, sein Mitleid und erbarmen wird praktisch: Er gießt linderndes Öl und desinfizierenden Wein auf seine Wunden. Viertens gewährt er dem Halbtoten umfassende Hilfe, er verbindet ihn, hebt ihn auf sein Tier, bringt ihn zur Herberge und pflegt ihn. Fünftens ist seine Hilfe nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig: Der Samariter gibt dem Wirt Geld für die weitere Pflege. Und sechstens, bleibt es nicht bei der ersten Hilfe, sondern er kommt auf der Rückreise wieder vorbei und schaut nach dem Verwundeten. Gottes Barmherzigkeit ist immer konkret.

Weil ich Gott in Jesus Christus so erfahre, kann ich anders handeln. Diese Erkenntnis und Erfahrung ist das Entscheidende. Weil ich Gottes Güte erfahren habe, kann ich auch gütiger sein mit meinen Mitmenschen. Weil ich die Barmherzigkeit Gottes erfahren habe, brauche ich nicht mehr so hartherzig gegenüber anderen Menschen zu sein. Weil ich die Gnade Gottes erfahren habe, kann ich auch mit den Fehlern anderer geduldig und nachsichtig umgehen. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ (Mt 6,12) So heißt es im 6. Kapitel des Matthäusevangeliums wörtlich. Erst vergeben wir dem anderen, weil Gott uns in Jesus Christus schon vergeben hat. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ beten wir in jedem Gottesdienst.

Im Predigttext heißt es ganz ähnlich: „36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. 37 Richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden. Sprecht frei, und ihr werdet freigesprochen werden. 38 Gebt, und es wird euch gegeben werden.“ (Lk 6,36-38 – NGÜ)

Wie kann man den Menschen die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes nahebringen und verdeutlichen? Es reicht ja nicht aus, wenn andere mir von einer Erfahrung erzählen, die ich selbst gar nicht gemacht habe. Die Erfahrung der Gnade und Barmherzigkeit Gottes haben die meisten von uns schon gemacht. Auch wenn es für viele von uns sicher eine unbewusste Erfahrung gewesen ist. Und zwar in der Taufe:

In der Taufe wendet Gott sich uns zu. Die Taufe ist das Zeichen, dass Gott zu einem jeden Menschen sein unbedingtes Ja ausspricht: „Du bist von mir geliebt.“ Im Wasser der Taufe wird unsere Unvollkommenheit von uns abgewaschen und wir bekommen Anteil an der Vollkommenheit Gottes. Gott hat uns alle angenommen und zu seinen Kindern gemacht. Er geht nachsichtig mit uns um, wenn wir Fehler machen. Ein Mensch, der sich angenommen und akzeptiert weiß, hat genug Stärke, mit verletzenden Urteilen anderer umzugehen. Denn er steht immer ein bisschen über den Dingen. Er hat einen festen Halt. Er braucht sich von nichts persönlich angegriffen zu fühlen. Denn was ist das Urteil eines Menschen gegenüber dem Urteil Gottes? „Gott ist für uns; wer kann uns da noch etwas anhaben?“ Amen.

(Nach einer Idee von Simone Rasch)

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis - 5. Juli 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Predigttext 1.Könige 19,1-13a – Luther 2017:

(Elia am Horeb)
1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie
...
er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.
2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!
6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
7 Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des Herrn kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?
10 Er sprach: Ich habe geeifert für den Herrn, den Gott Zebaoth; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.
11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den Herrn! Und siehe, der Herr ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben.
12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.
13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

Liebe Gemeinde!

Elia rennt. Er nimmt seine Beine in die Hand. Er rennt um sein Leben. Er hat furchtbare Angst.

Hinter Elija liegt ein scheinbar überwältigender Sieg. Die wichtigsten Priester des Baal, seine Gegenspieler, sind am Berg Karmel umgekommen. Konkret: Elia hatte sie getötet. Was nach unserem Rechtsverständnis Mord oder zumindest Todschlag ist, und das wir moralisch als ein furchtbares Verbrechen gegen die Menschlichkeit charakterisieren, war in der Zeit der Propheten nichts Ungewöhnliches. Nicht nur die Götterbilder wurden vernichtet, sondern auch deren Priester. Götter und ihre Priester wurden als eine Einheit wahrgenommen.

Wenn wir unsere berechtigte moralische Empörung beiseitelassen, können wir uns auf die Geschichte konzentrieren, genauer gesagt auf das, was unserem Predigttext an Geschehnissen vorangegangen ist.

Elia hat mit den Baalspriestern gewetteifert, wessen Gott mächtiger sei, ob der Gott seiner Vorväter, der Gott Abrahams, Issaks und Jakobs, oder ihr Gott, Baal, der Gott des Lebens und der Fruchtbarkeit. Hinter den Priestern des Baal steht eine politische und gesellschaftliche Macht, Isebel, die Königin, die aus Phönizien stammt, der Gegend, in der heute der Libanon liegt. Sie hatte Ahab, den König des Staates Israel, geheiratet. Ahab regiert den nördlichen Teil des einst großen Reiches von David und Salomo, das heutige Galiläa.

Isebel hat auch ihren Glauben mit nach Israel gebracht. Sie fördert und beschützt die Verehrung des Baal. Sie unterstützt ihre Religion nicht nur durch ihren Schutz, sondern auch finanziell. Mit diesem Glauben will sie ihre Macht im Volk festigen. Der Baalskult ist eine Religion, deren Gott auf einem Stier thront; ein Götterstandbild, das die Menschen sehen, anfassen und berühren können; ein sichtbarer Gott, den man mit Augen und Händen ergreifen kann. In Konkurrenz dazu steht Elia und mit ihm die Anhänger des Gottes Abraham, Isaak und Jakob. Sie haben es schwer. Ihren Gott können die Menschen nur glauben und im Leben erfahren, aber nicht berühren, nicht anfassen und schon gar nicht sehen. Und dann geschieht das für Isebel und die Anhänger und Verehrer des Baal das Unfassbare: Die Oberschicht der Priester wird vernichtet, weil ihr Gott sich im Vergleich mit dem Gott Elias als schwach erweist hat. Als Isebel, die glühende Anhängerin des Baal und machtbewusste Königin dies erfährt, will sie Elia vernichten. Sie will seinen Kopf, sein Leben, seine völlige Auslöschung.

Daraufhin flieht Elia. Er rennt um sein Leben. Er flieht aus Samaria, läuft durch Juda hindurch, an Jerusalem vorbei, bis hinunter an das südlichste Ende Judas, nach Beerscheba. Erst dort wähnt er sich einigermaßen sicher, weil hier sein Gott, der Gott Israels, einen ganz alten Altar hat.

Doch ist dieser Ort nicht das Ziel. Elia will, muss weiter. Allein geht er einen Tag lang mitten in die Wüste hinein, so lange, bis er an einen Ginsterbusch kommt. Elia ist gelaufen, gerannt, und jetzt ist er allein. Er ist ausgebrannt. Er setzt sich in den Schatten des Busches und will und kann nicht mehr weiter. Er hat keine Kraft mehr. Burnout. Alle seine Reserven sich aufgebraucht, die physischen und die psychischen. Ausgebrannt, kaputt, fertig mit sich, mit Gott, mit der Welt. Elia ist lebensmüde.

„Gott, lass mich hier und heute sterben. Ich bin nicht besser als meine Väter“, so betet Elia, so bilanziert er sein Leben. „Ich bin nicht besser als meine Väter“, sagt er. Sein Traum, es besser zu machen als sein Vater, als seine väterlichen Vorbilder, ist verflogen. Sein Traum ist unterwegs auf seiner Lebenswanderung verloren gegangen.

Elia, ist er ein Vorbild für uns heute? Vielleicht so, wie Männer heute sein sollten? Große Dinge hat er bewegt. Er ist ein Held. Und brauchen wir nicht Menschen, die die Götzen unserer Zeit entlarven? Geld, Macht, Reichtum, Einfluss, Ansehen. Götzen unserer Zeit, die immer wieder Menschen in ihren Bann schlagen, auch sogenannte Vorbilder. Oder der Götze des freien, nicht sozialen Marktes. Wo die Starken noch stärker werden können, wo die Verluste dem Staat und damit der Allgemeinheit zugeschrieben werden, wie bei der Bankenkrise. Und, wenn wir als Wähler nicht aufpassen, auch in der gegenwärtigen Corona-Krise.

Von sozialer Verantwortung hört man nur, wenn das Kapital und die Wirtschaft in Gefahr sind, nicht wenn es um das Geld für Hospize geht, um Krankenhäuser und Pflegeheimen, um Verkäuferinnen im Supermarkt, um die Alltagshelden in der Corona-Krise, um Kinder- und Jugendarbeit, oder wenn die Bildung gefördert werden soll. Der Markt regelt das schon, ist das allgemeine Credo, das Glaubensbekenntnis unserer Gesellschaft. Was der Markt regelt, wenn er nicht in einen sozialen Rahmen eingebunden ist, bekommen die zu spüren, die mit ihrem Einkommen nicht genug zum Leben haben. Brauchen wir nicht solche Helden, die auf die Schwachen hinweisen, die für ihre Rechte streiten, die Gerechtigkeit, Frieden und Erhalt der Schöpfung kämpfen, auch wenn das phasenweise unmodern ist? Brauchen wir nicht Männer in Verantwortung, die die Schwachen und Ausgegrenzten nicht aus dem Blick verlieren? War Elia nicht in diesem Sinne ein Held, der auf den Gott Israels hingewiesen hat, den Gott, der Witwen und Waisen?
Elia war ein Held. Aber über seine Heldentaten und seinen Kampf hat er die Perspektive verloren. Er ist fertig, ohne Kraft und Mut. Elia – ein Vorbild für den modernen Mann – ist er in der Wüste an sein Ende gekommen?

Elia kann nicht mehr träumen. Seine Visionen sind verloren gegangen. Er hat keine Kraft mehr. Burnout. Nach seinen Maßstäben, nach den Maßstäben unserer Welt bleibt nur der Weg ins Vergessen, in den Tod. Er hat im Kampf mit den Götzen dieser Welt verloren. Sie sind stärker und mächtiger, sein Lebenswerk und Lebensweg ist gescheitert. Er will nicht mehr aufwachen im Hier und Jetzt, sondern erst dort im Jenseits, wo alle Kämpfe zu Ende sind, wo unsere Tränen getrocknet werden.

Aber es kommt anders. Ein Bote Gottes, ein Engel, nimmt Kontakt mit dem Schlafenden auf, berührt seine Sinne, die auch im Schlaf zum Tod erhalten bleiben. Er berührt Elia; Elia wird berührt. Und dann: Es gibt keine Diskussionen, keine Debatten, sondern schlicht und einfach Lebensmittel. Der Prophet findet Brot und Wasser. Er bekommt die Weisung, zu essen und zu trinken. Der lebensmüde Elia erhält Lebensmittel. Mittel, die ihn wieder Leben lassen. Hungrig isst er. Satt schläft er wieder, aber nicht mehr den Schlaf zum Tod, den Schlaf der Depression, sondern den Schlaf der Erholung. Und dann kommt Gott im Engel ein zweites Mal zu ihm, dem Schlafenden. Wieder soll er essen und trinken, satt werden, um sich auf den Weg zu machen.

Elia soll nicht am Ort des Todes bleiben. Er soll von hier weggehen. Er soll sich nach der Nähe des Todes wieder dem Leben und damit auch wieder Gott zuwenden. Elia wird wieder unterwegs sein. Er wird wieder rennen, doch diesmal wird er nicht fliehen. Gestärkt durch Brot und Wasser, gestärkt durch Lebensmittel geht Elia einen langen Weg, eine lange Zeit, vierzig Tage. Vierzig Tage geht er. Das ist die Zeit, die damals und heute jüdische Frauen nach einer Geburt brauchen, um wieder Gottesdienste mitfeiern zu dürfen, also um kultisch rein zu werden. Elia lässt den Tod hinter sich. Er wird wieder rein, um zu Gott zu gelangen. Und er geht weit, geht in die Wüste hinein. Sein Ziel ist der Berg Sinai, der Horeb, der Berg, an dem Mose die Weisungen Gottes empfangen hat, an dem Gott und Israel einen Bund geschlossen haben.

Elia hat wieder ein Ziel. Er rennt nicht mehr einfach weg, sondern er geht aus dem tiefen Tal der Depression, der Todessehnsucht, zu dem Ort, wo ihm Gott begegnen wird, zu dem Ort, wo Gott seinem Volk Leben verheißen und geschenkt hat. Im Traum erscheint ihm Gott. Er kommt mit Gott ins Gespräch. Er lässt seine Leidensgeschichte noch einmal Revue passieren. Seine Niederlage lebt noch einmal auf. Wieder schmerzen die Verletzungen als Elia sie Gott erzählt. Wieder ist es ganz klar vor seinem inneren Auge, was ihn aus Israel und Samaria, was ihn vor Isebel davonlaufen lies. Aber Elia ist aus dem tiefen Tal der Depression herausgetreten, obwohl er sich in einer Höhle, im Bauch der Erde, verbirgt. Gott antwortet der Schilderung Elias. Gott wird sich ihm zeigen. Elia spürt einen Sturm, wie er ihn erlebt hat, von Isebel herkommend. Elia spürt ein Erdbeben, große Erschütterungen, wie er sie ausgelöst hat mit seinem Kampf gegen die Baalspriester. Elia spürt einen Feuersturm, wie er ihn auf dem Berg Karmel erlebt hat. Aber in all dem ist Gott nicht zu finden.

Natürlich können wir spekulieren, ob Elia Gott in diesen mächtigen Erscheinungen überhaupt hätte aushalten und ertragen können, ob der sein inneres Gleichgewicht suchende Mann Gott überhaupt ausgehalten hätte im Sturm, im Erdbeben, im Feuer. Aber das sind Spekulationen.

Gott zeigt sich anders, ganz unerwartet im sanft säuselnden Windhauch. Gott zeigt sich so, wie Elia ihn annehmen und aushalten kann, ohne weglaufen oder rennen zu müssen. Gott zeigt sich sanft und mild. Liebevoll umweht Elia ein zarter Hauch. So zeigt sich Gott. So hat er sich in Jesus Christus gezeigt. Und so zeigt er sich uns, wenn wir wollen, wenn wir ihn von ganzen Herzen suchen, wenn wir uns Zeit nehmen, um zu hören, um zu beten und um die biblischen Texte zu betrachten. Das hat er uns versprochen.

Und so wird Elia der Glaubensheld sein, der hören kann, der auf Gott und die Menschen hören kann, der zuhören kann, der Geduld hat, der den Mut hat, die Stille zu achten. Halleluja, gelobt sei unser Gott, der uns zu solchen Menschen verwandeln will.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis - 28. Juni 2020
(nach einer Vorlage von Pfarrerin Adelheid Römer-Bornmann)

Liebe Gemeinde,
ein Sommertag. In der Fußgängerzone sitzt ein Mann auf einer alten Wolldecke. Seine Kleidung hätte dringend eine Wäsche nötig und er selbst auch. Wie alt er ist, lässt sich kaum einschätzen, so ungepflegt, wie er aussieht. Mit
...
schmutzigen Fingern hält er den Vorübergehenden einen abgegriffenen Pappbecher entgegen. Eine kleine Geldspende könnte er gut gebrauchen. Doch die Geschäfte laufen schlecht. Nur wenige Menschen sind an diesem warmen Tag in der Innenstadt unterwegs. Es sind Schulferien. Wer nicht arbeiten muss, geht wohl lieber ins Schwimmbad oder bleibt zuhause in der kühlen Wohnung.

Um die Mittagszeit kommt eine junge Frau vorbei. Gut gekleidet und frisiert. Sie überlegt gerade noch, ob sie sich ein Eis oder besser einen Salat gönnen soll, da fällt ihr Blick auf den Mann am Rande des Bürgersteigs. „Wie kann einer dahin kommen, so tief zu sinken?“, geht es ihr durch den Kopf. „Wenn ich einen Euro in den Becher lege, was wird daraus? Ein Brötchen oder ein Bier? Für ein richtiges Mittagessen reicht es nicht . Doch wenn ich mehr gebe, was wird er damit anfangen? Und gibt es nicht für Obdachlose einen Tagessatz vom Sozialamt?“

Bevor sie ihre Gedanken geordnet hat, ist sie auch schon vorbei an der alten Wolldecke. Erleichtert geht sie ihrer Mittagspause entgegen. - Eine ganz alltägliche Geschichte. Aber könnte sie nicht auch anders enden? Was wäre, wenn die beiden miteinander ins Gespräch kämen? Vielleicht könnten sie zusammen einen Kaffee trinken? Fast unvorstellbar. Und selbst wenn, worüber könnten sie wohl sprechen?

Menschen am Rande. Menschen, die unter schwierigen Bedingungen und in ärmlichen Verhältnissen leben, fordern oft zu Fragen heraus. Und oftmals sind die Fragen nach der Ursache ihrer Lebensumstände eng verbunden mit der Frage nach der Schuld. Wer trägt die Schuld daran, dass es so ist, wie es ist? Schnell sind Antworten parat, und Vorurteile scheinen sich zu bestätigen.

Wenn Menschen sich einander begegnen, dann machen sie sich ein Bild vom jeweils anderen und bilden sich ein Urteil. Und je mehr Unterschiede sich in den Bildern von den Lebensumständen, der Lebensart zeigen, desto stärker erscheint die Frage nach den Ursachen, der Schuld für dieses oder jenes, das uns so fremd erscheint. Wer trägt also die Schuld für das, was wir als armselig, unwürdig, verkommen beurteilen? Liegt sie bei anderen, im System, unserer Gesellschaft oder vielleicht zu großen Teilen bei jedem Menschen selbst?

Als Christin bei diesen Fragen ertappt, frage ich mich vor allem auch häufig: Wer gibt mir eigentlich das Recht dazu, solche Fragen nach der Schuld, die ja eigentlich auf die Selbstschuld der Betroffenen abzielt, zu stellen. Denn der Frage nach der Schuld folgt das Urteil, das Beurteilen von Menschen, die anders leben als ich. Da fallen mir Jesu Worte ein: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ Bei all den Fragen nach dem Motto: „Wer ist eigentlich schuld daran?“, die Menschen in jeder Situation, jeder Veränderung zum vermeintlich Schlechteren stellen, spüre ich das Bedürfnis, die Sehnsucht nach etwas völlig anderem. Nach anderen Sichtweisen, nach offenen Blicken, nach Entlastung, nach Vergebung. Und dann lese ich in dem Predigttext aus Micha 7:
„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unseren Vätern vorzeiten geschworen hast.“

Also ist Gott ganz anders! Gott sei Dank! Denn Gott vergibt und erlässt die Schuld! Er hält nicht fest an seinem Zorn! Er ist barmherzig! Auch wenn wir schuld sind an dem, was in unserem Leben schiefläuft – und das sind wir in großen Teilen sicherlich: Gott sieht uns barmherzig an!

Mögen wir mit Schuld daran tragen, dass die politischen Entscheidungen in unserem Land zunehmend schwieriger und menschenfeindlicher werden: Gott sieht uns barmherzig an! Gott wird sich unser immer wieder erbarmen, unsere Schuld nehmen und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Wenn wir von dieser Barmherzigkeit Gottes etwas annehmen können, dann werden wir nicht gleich zu besseren Menschen. Unsere Vorurteile gegenüber anderen sind damit nicht verschwunden. Unsere Art, anderen Menschen zu begegnen, uns ein Bild von ihnen zu machen und uns ein Urteil zu bilden, ist und bleibt eben menschlich. So menschlich wie der Kirchenbesucher, der den Pfarrer nach seiner zündenden Predigt fragt, ob es denn bei ihm für eine Vergebung schon zu spät sei. Der Pfarrer antwortet ihm: „Nein, nein, es ist nie zu spät“. Worauf der Mann antwortet: „Gut, dann kann ich noch ein bisschen weitermachen!“

Auch mein jüngerer Bruder wollte ganz besonders schlau sein. Er betete als kleiner Junge manchmal abends im Bett: „Hab ich Unrecht heut getan, geht’s dich, lieber Gott, nichts an!“ Ich glaube, im Grunde denken so viele Menschen. Wen gehen meine kleinen oder großen Verfehlungen etwas an? Vor Menschen und vor Gott verbergen wir unsere Schwächen und Sünden. Aus den Augen, aus dem Sinn. Was kümmern mich meine Fehler von gestern? Alle machen Fehler, keiner ist vollkommen. Was soll das Unrechtsbewusstsein? Es belastet nur. Aber verdrängte Schuld und verschwiegene Fehler melden sich. Wie gut, dass wir sie nicht verdrängen, aber auch nicht dramatisieren brauchen. Wir können sie einfach bekennen, ans Licht bringen und vor Gott aussprechen.
Er weiß um all unsere menschliche Schuld, alles Versagen und Scheitern.

Er sagt nicht: Das macht doch nichts, du hast es ja nur gut gemeint, du hast es ja nicht gewollt. Vor Gott gilt die Wahrheit. Auch bei schlimmer Schuld. Gott richtet nicht, wie Menschen es tun: Fehler zum Beispiel einfach löschen. Es gibt Seiten in meinem Lebensbuch, die würde ich am liebsten rausreißen, in kleine Schnipsel schreddern und in die blaue Tonne werfen, aufräumen mit der Vergangenheit. Oder wie es am PC geht: Etwas korrigieren und nochmal neu ausdrucken. Wenn das im Leben auch so gehen würde!

Es gibt Lasten, die uns in die Knie zwingen. Ja, der Kniefall ist die religiöse Demutsgeste eigener oder auch fremder Schuld. Sicher haben Sie noch das Bild vor Augen, als Anfang Juni in Minneapolis ein Polizist den Afroamerikaner George Floyd mit seinem Knie den Hals zudrückte, bis er nicht mehr atmen konnte und starb. Dieser Polizist hat seine Schuld nicht eingesehen, wohl aber manche seiner Kollegen und Demonstranten, die als Zeichen des Respekts vor dem Opfer in die Knie gingen.

Wer so kniet, zeigt Rückgrat und überlässt dem Rassismus nicht das Feld, sondern setzt auf die Macht versöhnender Gesten. Ein solcher Kniefall und der aufrechte Gang schließen sich nicht aus. Diese Bilder erinnerten mich an den wohl prominentesten Kniefall des letzten Jahrhunderts: Willy Brandt hat sein spontanes Niederknien vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos am 7. Dezember 1970 als stumme Abbitte für die im Namen Deutschlands verübten Gräueltaten erklärt. Wer kniet, kann nicht weglaufen. Wer vor Gott kniet, gibt Gott Gewicht, nimmt Abschied von Allmachtsphantasien. Wer vor Gott kniet hofft, gerade aus dieser Haltung heraus wieder auf die Beine zu kommen und aufgerichtet zu werden. Und Gott richtet uns wieder auf!

Er hat für uns seinen Sohn geopfert, damit wir leben können. „Wo ist solch ein Gott, wie du es bist? Bei dir finde ich Vergebung, Erlass meiner Schuld und Barmherzigkeit. Du wirfst meine Sünden in die Tiefen des Meeres, du bist treu.“
Das lässt mich staunen! Ich wundere mich, was bei Gott möglich ist! Ich freue mich über so viel Gutes! Dieser Lobpreis, der über so viele Jahrhunderte und Generationen hinweg nichts von seiner Botschaft verloren hat, schenkt mir Zuversicht. Mit dieser Gewissheit im Herzen will ich versuchen, auch anderen offen zu begegnen. Weniger nach ihrer Schuld fragen, sondern sie mit freundlichen Augen anzusehen. Und wenn ich scheitere – und das werde ich wohl noch oft – dann wird Gott sich wieder erbarmen und vergeben.
Das ist die Botschaft Michas, die im Alten Testament mehrfach aufgenommen und in Jesus Christus Gestalt annimmt: Er hält nicht ewig an seinem Zorn fest, denn er ist barmherzig.

Das ist es, was Micha zum Jubeln bringt. Daraus lässt sich auch Hoffnung schöpfen für unser Leben. Die junge Frau ist schon fast vorübergegangen, da fasst sie sich ein Herz und kehrt noch einmal um. Sie wendet sich dem Mann auf der Wolldecke zu, beugt ein bisschen die Knie, um ihn besser ansehen zu können: „Wie geht es Ihnen? Was brauchen Sie?“ Amen.

Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis - 21. Juni 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Gemeinde!

Es heißt, in Katastrophen und Krisen zeige der Mensch sein wahres Gesicht. Gemeint ist gemeinhin, dass die hässliche Fratze des Menschen zu Tage tritt. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist, dass jeder nur an seinen eigenen Vorteil
...
denkt, nach dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Schiffbrüchige werden aus dem Rettungsboot gestoßen, damit die Ressourcen wie Proviant, Wasser, Platz reichen. Jeder versucht, sich selbst aus der Gefahrenzone zu bringen: Rette sich wer kann. Der letzte Fallschirm im brennenden Flugzeug wird schnell dem Nachbarn entrissen.

Eines darf man bei diesen Beispielen nicht vergessen: Es geht immer um das Überleben von Menschen. Und wer vor schnell ein egoistisches Verhalten verurteilt, sollte sich dessen immer bewusst sein. In der Moralphilosophie hat die Philosophin Philippa Foot das Problem im Jahr 1967 so beschrieben:

Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Umstellen einer Weiche kann die Straßenbahn auf ein anderes Gleis umgeleitet werden. Unglücklicherweise befindet sich dort eine weitere Person. Darf – durch Umlegen der Weiche – der Tod einer Person in Kauf genommen werden, damit das Leben von fünf Personen gerettet werden?

Wie man dieses Problem, es heißt in der Philosophie das Trolley-Problem, löst, hängt von der ethischen Einstellung ab. Ein Vertreter der Utilitarismus würde durch Umstellen der Weiche die fünf Leben auf Kosten des einen retten, da in der Summe weniger schlechte Konsequenzen auftreten. Ein Anhänger der Pflichtenethik würde die Weiche nicht umstellen, weil er gegen die negative Pflicht, keinen Menschen zu verletzen, nicht verstoßen will.

In der Corona-Krise konnte und kann man zahlreiche Beispiele für egoistisches Verhalten anführen, aber doch mehr Beispiele für Menschen, die sich regelkonform verhalten haben. Negative Fälle dringen tiefer in unser Bewusstsein als die vielen positiven Verhaltensweisen. Jedenfalls wenn der Egoismus triumphiert, erklären und entschuldigen Fachleute wie Verhaltensbiologen, Soziologen das Verhalten damit, dass der Mensch nun mal so ist, dass er mit einem starken Überlebenswillen ausgestattet ist. Keiner von uns weiß, wenn er zu sich selbst ehrlich ist, wie er selbst in einer lebensgefährlichen Situation reagiert, in der keine Zeit zum Nachdenken bleibt – und ich möchte es auch gar nicht wissen. Es gibt ja immerhin auch wunderbare und schöne Gegen-Geschichten von Helden, die in einer schwierigen Lage selbstlos bleiben. Aber woher die Annahme kommt, dass der Mensch eigentlich immer egoistisch sei, nicht nur angesichts eines drohenden plötzlichen Todes, und seinen Egoismus ansonsten besser kontrolliert, verstehe ich nicht.

In Katastrophen zeigt der Mensch sein wahres Gesicht – das stimmt. Und manchmal ist das Gesicht müde und abgekämpft, aber freundlich und dem Nächsten zugewandt, wie man es auch in den Nachrichten zu sehen ist, wenn tausende Freiwillige wildfremden Hochwasser¬opfern aus unbekannten Regionen helfen, wenn Menschen sich ehrenamtlich in Krisengebieten einsetzen. Menschen, die in der freiwilligen Feuerwehr sind, haben ihren Jahresurlaub genommen, um hunderte Kilometer entfernt Sandsäcke zu schaufeln und Dämme zu bauen wie bei den Elbefluten 2002 und 2013. Junge Menschen kaufen in der Corona-Krise für ihnen fremde alte Menschen ein. Auch hier zeigen Menschen ihr wahres Gesicht, ein Gesicht, das lächelt und erschöpft ist. Dort, wo wir anderen helfen, geht es uns auch selbst gut. Dort, wo wir Hilfe versagen, geht es uns schlecht, und oft genug meldet sich das schlechte Gewissen. Vielleicht brauchen wir solche extremen Situationen, um zu erkennen, dass wir gut sein können, dass wir menschlich auf extreme Situationen reagieren können.

„So bist du doch gar nicht“; „So kenne ich dich ja gar nicht“, diese Aussagen lassen sich im Guten wie im Schlechten sprechen: Wenn jemand über sich hinauswächst oder wenn jemand etwas Furchtbares getan hat, was wir ihm eigentlich nicht zugetraut hätten. „So bist du gar nicht“ – diesen Satz sagt Jesus kein einziges Mal in den Evangelien. Und doch könnte er an vielen Stellen stehen. Überall dort, wo er Menschen dazu anleitet und ermutigt, aus der ihnen zugewiesenen und von ihnen übernommenen Rolle zu fallen und eingefahrene Spielregeln zu hinterfragen.

Beispiele dafür sind: „Hast du was, dann bist du was“ – Besitzstandswahrer sind so etwas wie die Lieblingsgegner Jesu, und er kontert ihrem Besitzstandsdenken mit der Aussage: „Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert, wird es gewinnen.“ Oder wie eben in der Evangelienlesung: Wenn die feine Oberschickt die Dinner-Einladung nicht annimmt, – dann kommen eben die Obdachlosen.

„Mit so einer wollen wir nichts zu tun haben!“, tobt die aufgebrachte Meute angesichts der Ehebrecherin. „So kenne ich euch gar nicht: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“, sagt Jesus. Ein Zöllner und Kollaborateur versteckt sich oben auf einem Baum, um weder von der Menge noch von Jesus gesehen zu werden, aber Jesus findet ihn und spricht ihn an: „So kenne ich dich gar nicht, Zachäus, so klein und bescheiden. Komm, lad mich und meine Jünger zu dir zum Essen ein!“

Jesus steht, was das Ignorieren von schlechten und falschen gesellschaftlichen Spielregeln, in guter alttestamentlicher Tradition. Besonders die Propheten kritisierten im Namen Gottes Unrecht, Machtmissbrauch und Gewalt gegen Schwache. Und auch waren die Propheten bekannt dafür, Verrücktes zu tun, um den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, damit sie über ihr Verhalten vor Gott nachdenken.

Ich lese aus dem 55. Kapitel des Jesaja-Buches:
1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 5 Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.


„Kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ Wein und Milch – damit ist nicht die Variante aus dem Tetrapack gemeint. Wein und Milch waren in der Antike Kostbarkeiten, also selten und Luxusgüter. Und jetzt tritt der Prophet wie ein Marktschreier auf und haut die Ware für null Euro raus, 100 % Rabatt, drei zum Preis von einem abzüglich aller Kosten – alles umsonst. Er dürfte sich der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicher gewesen sein. Vielleicht haben sie sich auch einfach nur verhöhnt gefühlt – immerhin lebten sie in Babylon im Exil, versklavt und geknechtet, und die Milch, die sie vorher selber auf eigenem Grund und Boden produzierten, und der Wein, den sie auf eigenen Bergen anbauten und in eigenen Keltern ernteten – all das mussten sie nun für die anderen, für die babylonischen Herrscher erwirtschaften. Dafür bekamen sie einen kärglichen Lohn und konnten sich selbst nicht mehr das leisten, was ihnen einmal selber gehört hatte. In einem solchen Falle ist eine Aussage wie „Kauft ohne Geld“ ein Schlag ins Gesicht.

Genau genommen wird es noch schlimmer: „Warum bezahlt ihr für Nicht-Brot und wundert euch, dass ihr nicht satt werdet?“ Stellen Sie sich heute einmal mit einem Schild, auf dem das steht, vor ein großes Einkaufszentrum – wie lange würde es wohl dauern, bis jemand einen Arzt oder den Sicherheitsdienst ruft? Denn die Spielregeln sind klar: Es gibt viele Bedürfnisse, von denen wir so lange nichts wissen, bis eine Werbung sie uns freundlicherweise mitteilt. Das Ergebnis: Die Keller und eBay sind voll mit Zivilisationsschrott. Natürlich ist auch mal ein guter, ein sinnvoller Kauf dabei, aber wie viele Dinge besitzen Sie, die Sie eigentlich nie haben wollten, nie benutzt haben und auch nicht vermissen würden?

Und da ist es wieder, das wahre Gesicht der Menschen, dieses Mal eine andere Seite. Wir sind Sammler. Das steckt tief in uns. Es gibt diesen tiefen Drang, Dinge anzuhäufen. Für die nächste Eiszeit, für Krisenzeiten zur Sicherheit, zur Beruhigung der Nerven. Das betrifft auch nicht nur Gegenständliches, sondern auch gute Begegnungen, Freundschaften gehören dazu, die man beispielsweise auf Facebook sammeln kann. Wir sammeln und hörten, um uns an vermeintlich Sicheres erinnern zu können, wenn wir in Gefahr und Krisen sind, wenn wir diese Sicherheiten am nötigsten brauchen, sodass wir dann auf unsere gesammelten Vorräte zurückgreifen können.

Unproblematisch ist ein solches Verhalten, wenn es in gesundem Maße geschieht und nicht das dabei herauskommt, wovor John Lennon gewarnt hat: „Leben ist das, was passiert, während du mit anderen Dingen beschäftigt bist.“

„Kaufen ohne Geld“ scheint aufgrund der Spielregeln unserer Gesellschaft verboten zu sein. Und jetzt, in und nach der Corona-Krise muss der Konsum angekurbelt werden, weil sonst unsere Wirtschaft nicht funktioniert. Aber es gibt Dinge, die man nicht kaufen kann; eigentlich eine Binsenweisheit. „Kaufen“, das ist ja nichts anderes als ein Tausch, und „Geld“ ist ein Medium im wörtlichen Sinne, nämlich ein Schmiermittel. Manche könnten vermutlich sagen, dass die Fluthelfer an der Elbe volle Sandsäcke gegen Dankbarkeit getauscht haben. Das greift aber viel zu kurz. Unbezahlbar ist es, dass die Helfer dabei ihr wahres Gesicht zeigen, ein menschliches Gesicht. So, wie Gott sein wahres Gesicht im Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen in Jesus Christus gezeigt hat. Auch das ist für uns geschehen – völlig umsonst, allein aus Liebe und Menschenfreundlichkeit. Amen.

(nach einer Idee von Sebastian Kuhlmann)

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis - 14. Juni 2020
(Pfarrer Jürgen Gossler)

Als Schriftlesung, die heute auch Predigttext sein wird, hören wir einen Auszug aus dem Buch des Propheten Jona.

    1  1 Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais:
2 Mache dich auf und geh in die große Stadt
...
Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. 3 Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren und dem HERRN aus den Augen zu kommen.
4 Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen.
5 Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. 6 Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Ob vielleicht dieser Gott an uns gedenken will, dass wir nicht verderben. 7 Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf's Jona.
8 Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, warum geht es uns so übel? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? 9 Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.
10 Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Warum hast du das getan? Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt. 11 Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. 12 Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.
13 Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. 14 Da riefen sie zu dem Herrn und sprachen: Ach, Herr, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir's gefällt. 15 Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. 16 Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde.
  2  1 Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. 2 Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches. (…) 11 Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.
  3  1 Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona: 2 Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!

Liebe Gemeinde,
vor zwei Wochen haben wir Pfingsten gefeiert und dazu die Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte gehört. In seiner Rede an die Menschen, die sich in Jerusalem versammelt haben, sagt Petrus, dass die Menschen, die mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, Propheten sein werden, also Menschen, die dazu berufen sind, das Wort Gottes zu verkündigen. Und das gilt nicht nur für die Menschen, die vor fast 2000 Jahren in Israel gelebt haben, sondern auch für Menschen, die heute leben – für Menschen wie dich und mich. Auch wir können und sollen Prophetinnen und Propheten sein. Aber trauen wir uns das auch zu?

Die Geschichte eines Propheten, der sich das anscheinend nicht so recht zutraut, haben wir als Schriftlesung gehört: Jona erhält von Gott den Auftrag, eine Botschaft zu verkündigen. Er soll in die große Stadt Ninive gehen und gegen sie predigen, weil die Menschen, die dort leben, Böses tun. Kein angenehmer Auftrag. Und entsprechend reagiert Jona. „Mache dich auf!“, hatte Gott zu ihm gesagt. Das tut Jona auch. Doch er macht sich nicht auf den Weg nach Ninive, sondern auf den Weg nach Tarsis.

Was das heißt, würde uns noch deutlicher, wenn wir eine Landkarte vor Augen hätten. Dann würden wir nämlich sehen, dass Ninive – von Israel aus betrachtet – im Nordosten liegt, und zwar im heutigen Irak. Und wir würden sehen, dass Tarsis im Nordwesten liegt, genauer gesagt: im heutigen Spanien. Das heißt: Jona geht in die entgegengesetzte Richtung. Er tut also das Gegenteil von dem, was Gott von ihm erwartet.

Was ist das für ein Prophet, liebe Gemeinde? Statt den Auftrag Gottes zu erfüllen, macht sich Jona aus dem Staub. In der Hafenstadt Jafo findet er ein Schiff, das ihm zur Flucht nach Tarsis verhelfen soll. Doch sein Fluchtversuch erweist sich schon bald als hoffnungsloses Unterfangen. Der Sturm, der sich auf dem Meer erhebt und das Schiff fast zum Kentern bringt, ist das Zeichen dafür, dass Gott den Flüchtling ganz schnell eingeholt hat.
Was ist das für ein Prophet? Im Grunde wirkt das, was Jona tut, geradezu lächerlich. Wenn er – wie er später sagt – den Gott des Himmels fürchtet, dann hätte er doch eigentlich wissen müssen, dass Gott ihn nicht aus den Augen lässt. Und dass der Versuch, vor Gott zu fliehen, sinnlos ist.

Und was tut Jona, als ihm klar wird, dass sein Versuch, vor Gott davonzulaufen, gescheitert ist? Er nimmt die Schuld auf sich. Die Schuld für sein Versagen. Und als Strafe dafür geht Jona sogar in den Tod. Man könnte auch sagen: Er flüchtet in den Tod. Er geht also bei seiner Flucht vor Gott und seinem Auftrag bis zum Äußersten. Doch entspricht diese Selbstbestrafung Jonas dem Willen Gottes? Offenbar nicht. Denn Gott sendet zu Jonas Rettung einen großen Fisch, der Jona nach drei Tagen wieder an Land speit.

Aber spätestens an dieser Stelle, liebe Gemeinde, tauchen Fragen auf. Und zwar schon bei Grundschulkindern. Wenn man diese Geschichte in der Grundschule erzählt, fragen manche Kinder, ob sich das wirklich so ereignet hat: „Wie hat es Jona denn so lange in dem Fisch ausgehalten? Und kann ein Mensch denn drei Tage unter Wasser atmen?“

Nein, liebe Gemeinde, das kann kein Mensch. Die Geschichte von Jona ist kein Tatsachenbericht, sondern eine Lehrerzählung – also eine Erzählung, aus der wir etwas lernen sollen. Für uns selbst und über uns selbst. Es gibt nämlich noch mehr Propheten der Marke Jona. Denn die Antwort auf die Frage „Was ist dieser Jona für ein Prophet?“ lautet: ein Prophet wie du und ich. Die Erzählung von Jona hält uns den Spiegel vor.

Denn auch wir haben von Gott einen prophetischen Auftrag. Auch wir sollen das Wort und den Willen Gottes gegenüber anderen zur Geltung zu bringen. So wie Jona. Jona soll wider die Menschen in der großen Stadt Ninive predigen. Wider ihre Bosheit. Er soll also denen, die offenkundig Böses tun, widersprechen. Doch genau das will Jona nicht. Warum nicht?

Wahrscheinlich, weil er Angst hat. Denn von bösen Menschen ist nun mal nichts Gutes zu erwarten. Wer weiß, was sie mit ihm tun werden? Vielleicht werden sie ihn angreifen – und das womöglich nicht nur mit Worten. Aber noch wahrscheinlicher ist, dass die Menschen in der großen Stadt Ninive auf so einen kleinen, unbekannten Mann wie Jona sowieso nicht hören werden. Wahrscheinlich werden sie ihn gar nicht angreifen, sondern einfach auslachen und verspotten. Und das wäre ja schon schlimm genug. Das wäre Grund genug, nicht nach Ninive zu gehen, sondern nach Tarsis zu fliehen.

Und welchen prophetischen Auftrag haben wir? Auch wir sollen denen, die offenkundig Böses tun, widersprechen. Und vor allem denen, die Parolen verbreiten, die andere zu bösen Taten verleiten. Um solche Menschen zu finden, brauchen wir – im Unterschied zu Jona – keine weite Reise anzutreten. Ein Blick ins Internet genügt, um festzustellen, wie stark sich vor allem rechtsextreme Parolen, die andere zu bösen Taten verleiten, in unserem Land wieder verbreitet haben. Und wozu diese Parolen führen können, hat der Mord an Walter Lübcke – gar nicht so weit von uns entfernt – vor einem Jahr mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt.

Noch sind fremdenfeindliche und rassistische Parolen in unserem Land nicht mehrheitsfähig. Aber sie nehmen zu. Und die Hemmschwelle, sie offen zu äußern, sinkt. Was tun wir, wenn uns solche Äußerungen zu Ohren kommen?

Die Versuchung, sich so zu verhalten wie Jona, ist groß: am besten einfach wegducken, oder weggehen, um einer unangenehmen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Aus Angst, dass ich verbal angegriffen werde. Und wenn ich etwas sage und mich dabei vielleicht auch noch auf meinen Glauben an Gott beziehe, dann muss ich auch damit rechnen, ausgelacht oder verspottet zu werden. Und wer will das schon? Also sich lieber aus dem Staub machen und flüchten – nicht auf ein Schiff, sondern in Ausreden: „Wem nützt es denn, wenn ich etwas gegen fremdenfeindliche oder rassistische Sprüche sage? Dadurch wird die Welt sich auch nicht ändern. Sich mit solchen Leuten zu behängen, ist doch vollkommen sinnlos.“

Ich muss gestehen, dass auch ich mich schon in solche Ausreden geflüchtet habe. Aber weitergebracht hat mich das nicht. Denn mein Gewissen hat mich schnell eingeholt. Und es hat mir gesagt: „Eigentlich hättest du jetzt widersprechen müssen.“ Denn in solchen Fällen gilt das Sprichwort: „Wer schweigt, stimmt zu.“ Der prophetische Auftrag, den wir von Gott haben, ist es, Parolen, die in sich die Saat des Bösen tragen, zu widersprechen. Wenn wir uns stattdessen wegducken und schweigen, geben wir denen, die solche Parolen verbreiten, das Gefühl, dass sie irgendwie ja doch im Recht sein müssen. Denn „wer schweigt, stimmt zu.“

Und was ist, wenn wir merken, dass wir unseren prophetischen Auftrag wieder mal nicht erfüllt haben? Dann können wir uns selbst Vorwürfe machen – und das zu Recht. Aber wir brauchen deshalb nicht gleich – wie Jona – in Grund und Boden zu versinken. Denn dadurch wird nichts besser. Weder für uns selber noch für andere.

Die Geschichte von Jona zeigt, dass Gott uns nicht für unser Versagen bestrafen will. Gott hat Geduld mit seinen Propheten und hält an ihnen fest. Aber seine Geduld ist auch eine Form von Hartnäckigkeit. Denn nachdem der Fisch Jona an Land gespien hat, erhält er noch einmal den Auftrag, nach Ninive zu gehen. Gott hält also nicht nur an seinen Propheten fest, sondern auch an seinem Auftrag. Und das mit Erfolg. Jedenfalls bei Jona. Denn im zweiten Anlauf klappt’s. Jona tut, was er tun soll. Er macht sich auf den Weg nach Ninive.

Und wenn ein Prophet wie Jona das schafft, dann stehen unsere Chancen, den Auftrag Gottes zu erfüllen, eigentlich gar nicht so schlecht. Zumal Gott uns mit dem Auftrag, den er uns gibt, ja nicht alleinlässt.

Wenn wir seinen prophetischen Auftrag annehmen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns auch die Kraft geben wird, diesen Auftrag zu erfüllen. Gott wird uns auf den Wegen, auf die er uns weist, begleiten und uns – wie Jona – dahin leiten, wo er uns will und braucht. Amen.

Predigt zu Trinitatis - 7. Juni 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Gemeinde!

Ich bin sicher, dass Gott uns Menschen glücklich, froh und frei haben möchte. Und ich glaube nicht, dass dieses Leben ein Jammertal ist, obwohl viele Christen es im Laufe der Geschichte so betrachtet haben.

Sicher, es hat immer
...
schlimme und leidvolle Zeiten in der Geschichte Gottes mit dem Menschen gegeben. Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die Zeiten der Weltkriege, wo Menschen unendliches Leid über ihre Mitmenschen gebracht haben. Oder die Zeit der Pest oder gegenwärtig Corona, wo wir Menschen unter den Auswirkungen einer natürlichen Krankheit leiden. Natur ist nicht immer gut.

Trotzdem wage ich die Aussage, dass Gott uns Menschen glücklich, froh und frei haben möchte. Wie komme ich zu dieser gewagten Aussage?
Jeder evangelische Gottesdienst schließt mit der Bitte um den Segen. Der bekannteste Segen ist der sogenannte Aaronitische Segen.

Ich lese ihn, wie er sich in der Übersetzung nach Martin Luther in der Bibel findet, im 4.Buch Mose, Kapitel 6, die Verse 22 bis 27 (Numeri / 4. Mose 6,22–27 – Luther 2017) :

(Der priesterliche Segen)
22 Und der Herr redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der Herr segne dich und behüte dich; 25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Noch einmal die Worte, die wir jeden Sonntag am Ende des Gottesdienstes hören und vom Gottesdienstleitenden zugesprochen bekommen: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Für mich ist der Segen eine Liebeserklärung Gottes an uns Menschenkinder. Nicht alle Eltern lieben ihre Kinder. Das muss man auch mal sagen. Aber Gott ist der, der seine Menschenkinder liebt. Segen ist die Liebeserklärung Gottes an uns Menschen, an dich und an mich.

Darum: Diese Worte sind für dich gemacht. Es sind Gottes Worte für dich persönlich. Denn du bist Gottes Gedanke. Du bist wunderbar, so wie du bist. Dein Lächeln. Der wilde Haarwirbel an deinem Hinterkopf. Deine Ideen. Deine Fragen. Ja, auch deine Zweifel. Ohne dich würde der Welt Gottes etwas fehlen. Diese Welt ist für dich gemacht und du für sie. Diese Worte sind Gottes Rückenwind für dein Leben.

Gleichzeitig sind diese Worte mein Wunsch für dich, du Menschenkind Gottes, du Gotteskind. Ich wünsche dir Glück und Gesundheit. Liebe und Freundschaft. Tiefe Begegnungen. Halt, wenn du haltlos bist. Ein sonniges Gemüt, ein fröhliches Herz und Zuversicht. Das wünsche ich dir und noch viel mehr. Meine Wünsche begleiten dich, egal, wie alt du bist, egal, in welcher Situation du dich befindest. Solange ich lebe, sind meine Gedanken bei dir.

Das sind die Gedanken und Wünsche, wie eine Mutter oder ein Vater sie für ihr Kind haben, das sie lieben.
Mutter sein und Vater sein, das bedeutet, einem Kind alles das geben zu wollen, was es braucht. Dabei muss man unterscheiden zwischen dem was, ein Kind braucht, und den Wünschen, die ein Kind hat. Ein Kind braucht Förderung, Liebe, Sicherheit, Bildung, aber nicht unbedingt ein Computerspiel oder die neuste Mode.
Mutter sein und Vater sein, das heißt gleichzeitig zu ahnen, dass man es selbst nicht in der Hand hat, dass das eigene Kind nicht alles das bekommt, was es zu einem gelingenden Leben braucht. Ich will mein Kind beschützen und behüten und stehe ständig an den Grenzen meiner Macht und meinen Fähigkeiten, wo ich realisiere, was ich alles nicht in der Hand habe. Dazu kommt noch, dass kein Vater perfekt ist. Keine Mutter ist unfehlbar. Wenn Eltern nicht die gleichen Fehler machen wie ihre eigenen Eltern, dann ist das schon viel. Aber irgendwo bleiben alle Eltern ihren Kindern irgendetwas schuldig. Eltern sein, das heißt auch, schmerzlich hinter den Anforderungen zurückzubleiben, die Elternsein und die Verantwortung für das eigene Kind bedeuten. Wenn ich eine Antwort auf die Frage geben müsste, was eine Mutter zur Mutter und einen Vater zum Vater macht, dann wäre es folgende Aussage: Mit ganzer Kraft und mit dem ganzen Herzen das Beste für das mir anvertraute Leben, für mein Kind, zu wollen, zu wünschen und zu tun. Doch selbst das reicht nicht aus, damit ein Menschenkind heil durch das Leben gehen kann.

Mein Wunsch für dich ist, dass Gott dich, mein von Gott geliebtes Kind, segnen und behüten möge.

Irgendwann wirst du das erste Mal allein über die große Straße gehen. Du wirst geknickt heimkommen, weil du in der Schule nicht mitspielen durftest. Du wirst dich krank in deinem Bett wälzen und ich werde mit Sorge auf jedes Geräusch von dir lauschen. Du wirst überschäumen vor Glück, wenn du von einem aufregenden Ausflug heimkommst. Du wirst wie auf Wolken gehen, wenn du das erste Mal verliebt bist. Wirst du dich dann irgendwann fragen, was du werden willst? Wirst du Kopfschmerzen haben, weil es so wahnsinnig viele Möglichkeiten in unserer westlichen Welt gibt und du dich entscheiden musst und nicht weißt, ob es die falsche Wahl sein wird? Wirst du Zweifel haben? Wirst du für eine Sache vor Begeisterung brennen? Was wird dich wohl auf deinem Lebensweg erwarten? Zu jedem menschlichen Leben gehören Krankheit, Leid und Unfälle. Was wird dir widerfahren an schönen und guten, aber auch an schweren und leidvollen Erlebnissen? Werde ich dich dabei begleiten und stützen können? Wirst du Kraft, Mut und Vertrauen in Gott finden?

Ich weiß, dass Gott dir auf deinem Weg nahe sein will und auch ist. Und ich wünsche dir, dass du seine Nähe wahrnehmen kannst.
Der Segen Gottes ist kein magischer Schutzzauber, der Menschen unverletzlich macht. Der Segen ist keine Rundum-sorglos-Versicherung, die bei allen Eventualitäten des Lebens einspringt. Der Segen ist keine Glücksgarantie, die für jeden Tag im Leben einen wolkenlosen blauen Himmel bereithält. Segen, so wie ich ihn mir vorstelle, bedeutet, dass Gott deinen Kopf wie ein Pilgergut mit breiter Krempe schützt. Wenn die Sonne brennt, dann spendet der Hut dir Schatten. Wenn es regnet, stürmt und hagelt, dann kannst du dein Gesicht hinter der großen Hutkrempe verbergen, sodass Regen und Eis dich nicht direkt ins Gesicht treffen. Aber du musst alleine pilgern. Genauso möge es auch in deinem Leben sein. Gott möge dich nicht vor allen Schwierigkeiten bewahren. Aber er gebe dir die Kraft, die schweren Momenten deines Lebens zu bewältigen. Ich wünsche dir, dass der Segen Gottes dich behüten möge.

Mein Wunsch für dich ist, dass Gott sein Angesicht gnädig über dir leuchten lasse.
Unser Leben kommt nicht von uns selbst. Wir haben es nicht gemacht. Gott ist das pure Leben. Auch die Welt, auf der wir leben und von der wir leben, haben wir nicht selbst gemacht. Gott hat die Welt wunderbar geschaffen. Die Gänseblümchen und die Elefanten sind seine Gedanken. Ebenso der Wald und die Wellen des Meeres. Ich frage mich, in welcher Welt wir einmal leben werden. Wie wird die Welt deiner Zukunft aussehen? Wird die Erde ihr Angesicht noch mit einem grünen Kleid bedecken? Werden sich die Lerchen in die Luft schwingen? Wird der Hirsch noch durch saftige, grüne Auen springen? Wird es noch so viele Tiere und Pflanzen geben wie zur Zeit oder werden wir weiter diese Welt und unsere Lebensgrundlage zerstören? Wir haben die Welt anvertraut bekommen. Aber wie werden wir sie dir übergeben? Welche Vorwürfe wirst du uns machen? Auf welche wunden Punkte wirst du deine Finger legen? Wo wirst du uns infrage stellen? Sind wir Menschen statt zum Segen zum Fluch für die Erde und für viele Menschen, die nicht in den reichen Teilen der Welt wohnen, geworden, sodass die Schöpfung eingeht und verdorrt?

Gottes Segen ist kein Lückenbüßer für das, was wir Menschen versäumt und zerstört haben, für das falsche Handeln, das wir trotz besserem Wissen fortsetzen.
Dennoch – und gerade deshalb – hoffe ich und wünsche ich, dass Gott seine Schöpfung nicht allein lässt.

Es ist ein Segen, wenn es jetzt im Sommer überall wächst und sprießt. Die Gurken im Hochbeet ranken so schnell, dass einem fast schwindelig wird. Das Grün wird immer mehr und intensiver. Die Sonne erwärmt die Erde und unsere Glieder. Ich wünsche dir, dass Gottes Licht über dir scheinen möge wie die Sonne. Ich wünsche dir, dass du wächst und gedeihst wie ein Sommergarten. Ich hoffe, dass deine Lebenskraft immer mehr wird und nicht versiegt. Denn diese Lebenskraft kommt nicht aus uns selbst. Manchmal ist der Akku leer und lädt nicht mehr recht. Auch Sport, genug Schlafen und gesund Essen hilft dann nicht. Deine Lebenskraft kannst du nicht selbst erneuern. Ich wünsche dir, dass Gottes Licht über dir scheinen möge. Es mache dein Herz hell und fülle dich mit Hoffnung und Zuversicht.

Mein Wunsch für dich ist, dass Gott dir seinen Frieden schenken möge.
Es ist ein Glück, dass wir hier im Herzen von Europa, in Deutschland schon so lange im Frieden leben. Ich kenne nichts anderes. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien war innerlich weit weg. Aber die Erzählungen meiner Großeltern erinnern mich an eine Gewaltgeschichte in Deutschland. Zudem zeigen mir die Nachrichten täglich das Leid der Gegenwart. Wirst du dein Leben im Frieden leben? Wenn ich mich frage, in was für einer Welt du einst leben wirst, dann ist es mir ein Trost, dass Gott selbst in schwierigen und leidvollen Zeiten Mensch geworden ist. Gott wurde in einem besetzten Land geboren. Gott ist in die Geschichte getreten in einer Zeit, in der die politischen Spannungen jederzeit zu eskalieren drohten. Als Gott ein Menschenkind geworden ist, waren blutige Intrigen, politische Morde und Aufstände an der Tagesordnung. Gott tritt in unruhigen Zeiten in die Welt ein. Heute würde Bethlehem im Jemen liegen und Nazareth in Afghanistan. Mein Wunsch für dich und alle Menschenkinder dieser Welt ist, dass Gott dir seinen Frieden schenken möge und dich im Krieg nicht verlassen möge.
Frieden ist mehr, als wenn kein Krieg oder Streit ist.

Ein alter Mann, der den Krieg als junger Mensch erlebt hat, hat mir mal gesagt: Zufrieden sein ist das Wichtigste. Er hat recht. Denn Frieden heißt auch Zufriedenheit und innere Ruhe. Wahrscheinlich haben alle Menschen manchmal dieses Gefühl, sie könnten etwas verpassen. Das Leben ist voller Möglichkeiten. Irgendwann realisiert man, dass man nicht alles machen kann. Es gibt mehr Möglichkeiten, als ich ergreifen kann. Die Versuchung ist groß, immer mehr ins Leben hineinzuquetschen. Und so wächst die Gefahr, dass wir dabei Leben selbst verpassen. Ich wünsche dir, dass du einmal, wenn du alt bist und auf dein Leben zurückschauen wirst, die Hände lebenssatt in deinen Schoß und in Gottes Hand legen kannst.

Mutter sein, Vater sein ‒ das heißt: mit ganzer Kraft und mit dem ganzen Gemüt das Beste für das mir anvertraute Leben meines Kindes zu wollen, zu wünschen und zu tun. So haben unsere Väter und Mütter im Glauben auch Gott erfahren. Deshalb reden sie von Gott als einer Mutter, die ihrem Kind das Leben gibt, es stillt und tröstet. Deshalb spricht Jesus, der Sohn Gottes, von Gott als einem liebenden, geduldigen und versöhnlichen Vater. Gott als unser Vater und unsere Mutter schenkt uns Menschen das Versprechen seiner Nähe, seiner Zuwendung und seines Friedens. Dafür öffnen die alten Segensworte unser Herz und unseren Sinn. In ihnen bündeln sich die vielen Wünsche, die Eltern für ihre Kinder haben.

Diese Worte sind deine Worte. Sie werden für dich gesprochen. Diese Worte sind Gottes Versprechen an dich. Sie sind dir von Gott zugesagt, der dich gekannt hat, bevor wir Menschen dich kennenlernen durften.

Diese Worte sind mein Wunsch für dich, Menschenkind. Mögen sie dich tragen und stützen. Mögen sie dich bergen und wärmen. Mögen sie dich aufrichten, beflügeln und emporheben.
#Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Amen.

(nach einer Idee von: Pfarrerin Anne Polster, 8635 Dürnten, Schweiz)

Predigt zu Pfingsten 2020
(Pfarrer Jürgen Gossler)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und
die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

„Bleibt zu Hause!“ Das war vor einigen Wochen das Motto, mit dem die schnelle Weiterverbreitung des neuartigen
...
Corona-Virus verhindert werden sollte. Zu Hause bleiben – das war die einfachste und wirkungsvollste Maßnahme, um sich vor dem Virus zu schützen. Das Haus verlassen und sich unter die Leute mischen – das wäre gefährlich gewesen, für manche vielleicht sogar lebensgefährlich. Und wer schon infiziert war, kam in Quarantäne und durfte das Haus nicht mehr verlassen: so lange, bis er oder sie genesen war und andere nicht mehr anstecken konnte. Zu Hause bleiben. Das war das Gebot der Stunde. Und ist es für manche immer noch.

Auch das Johannesevangelium erzählt von Menschen, die zu Hause geblieben sind. In einem Haus irgendwo in Jerusalem. Und das aus gutem Grund. Denn sie hatten über längere Zeit hinweg engen Kontakt zu einem Mann aus Nazareth. Jesus hieß er. Er war aus Galiläa gekommen und hatte in Jerusalem ein neuartiges Virus eingeschleppt. Mit hoher Ansteckungsgefahr. Das Virus ließ sich nur schwer bekämpfen. Denn es wurde vor allem durch Worte übertragen. Und mit seinen Worten hatte Jesus nicht nur die Ohren der Menschen erreicht, sondern auch ihre Herzen berührt. Er hatte den Menschen Geschichten von der Liebe Gottes erzählt; und er hatte ihnen eine große Vision vor Augen gemalt: die Vision von der Herrschaft Gottes – einer Herrschaft, in der Frieden und Gerechtigkeit regieren.

Doch seine Worte waren nicht bei allen auf Gegenliebe gestoßen. Es gab zu viele, die von der Aussicht auf die Herrschaft Gottes gar nicht begeistert waren, weil sie um ihre eigene Herrschaft fürchteten. Und um im Volk eine Epidemie zu verhindern, die sich durch Worte ausbreitet, gab es nur ein Mittel: Sie mussten den Urheber dieser Epidemie – diesen Jesus – zum Schweigen bringen. Und weil Jesus von dem Virus, das er durch seine Worte verbreitete, völlig durchdrungen war, hatte man ihn gar nicht erst unter Quarantäne gestellt, sondern gleich getötet. Um das Virus im Keim zu ersticken.

Und deshalb haben sich die wichtigsten Kontaktpersonen Jesu, auch Jünger genannt, in einem Haus verschanzt. Zu Hause bleiben. Das ist auch für sie das Gebot der Stunde. Sie trauen sich nicht mehr vor die Tür, weil es für sie gefährlich werden könnte, vielleicht sogar lebensgefährlich. Denn man muss davon ausgehen, dass auch sie das Virus, das Jesus verbreitet hat, in sich tragen. Und wenn man ihnen das nachweisen kann, dann wird man vermutlich auch mit ihnen kurzen Prozess machen. Also: lieber zu Hause bleiben und die Türen verschließen. Doch was dann passiert, schildert der Evangelist Johannes so:

19 Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger die Türen verschlossen hatten aus Furcht vor den Juden, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! (Joh 20,19-22 – Einheitsübersetzung)

Jesus kommt also zu den verängstigten Jüngern. Er durchbricht die Kontaktsperre und stellt sich in ihre Mitte. Und die Jünger freuen sich. Und da die Jünger keinen Mund-Nasen-Schutz tragen, ist das, was Jesus dann tut, die sicherste Methode, um die Jünger endgültig mit dem neuartigen Virus, das er in die Welt gebracht hat, anzustecken: Jesus haucht die Jünger an. Das lateinische Wort dafür heißt „inspirare“. Und das ist das Besondere an dem Virus, das Jesus verbreitet: Die Menschen, die von ihm angesteckt werden, sind nicht infiziert, sondern inspiriert. Denn das Virus, das Jesus verbreitet, heißt Spiritus Sanctus, auf Deutsch: Heiliger Geist.

Doch das Virus, das Jesus verbreitet, ist nicht nur neuartig, sondern es hat auch völlig andere Wirkungen als alle anderen Viren. Das „Heilig-Geist-Virus“ gefährdet nicht das Leben, sondern es fördert und erneuert das Leben. Es macht nicht schwach, sondern gibt Kraft. Es raubt nicht die Energie, sondern verleiht neuen Schwung. Es macht nicht Angst, sondern Mut. Es kann allerdings etwas dauern, bis das Virus diese Wirkungen entfaltet. Die Inkubationszeit ist sehr unterschiedlich.

Besonders empfänglich für das Virus sind Kinder. Menschen, die schon als Kinder von dem Virus inspiriert worden sind, tragen das Virus Spritus Sanctus oft ihr ganzes Leben lang in sich. Es kann sein, dass sie lange Zeit kaum noch etwas davon spüren. Doch gerade in schwierigen Zeiten kann das „Heilig-Geist-Virus“ plötzlich wieder zum Ausbruch kommen. Es kann Traurigen Trost geben, Ängstlichen Mut machen und Niedergeschlagene wieder auf die Beine bringen. Deshalb ist es so empfehlenswert, Kinder schon frühzeitig mit dem Virus zu inspirieren.

Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Da das „Heilig-Geist-Virus“ vor allem durch Worte übertragen wird, kann man Kindern schon früh Geschichten von Jesus zu erzählen. Als eine besonders wirkungsvolle Möglichkeit, Kinder zu inspirieren, hat sich auch das gemeinsame Beten erwiesen. Um die eigenen Angehörigen anzustecken, kann man also auch zu Hause bleiben. Aber wenn man auch andere Menschen anstecken will, muss man das Haus auch irgendwann wieder verlassen.

Das haben – Gott sei Dank – auch die Jünger Jesu getan. Als Jesus sie mit dem Virus Spiritus Sanctus inspiriert hatte, hat es sie nicht mehr in ihrem Haus gehalten. Sie sind auf die Straßen von Jerusalem gelaufen und haben von Jesus erzählt. Begeistert haben sie die Botschaft von der Herrschaft Gottes weitergegeben und unzählige Menschen mit dem „Heilig-Geist-Virus“ angesteckt.

Immer wieder gab es Versuche, das Virus Spiritus Sanctus zu bekämpfen und auszurotten. Doch vergeblich. Das Virus war stärker. Es ließ sich nicht aufhalten. Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte hat sich das Virus Spiritus Sanctus in der ganzen Welt verbreitet und Millionen von Menschen inspiriert. Rückblickend können wir deshalb sagen, dass die Jünger Jesu damals eine Pandemie ausgelöst haben – wahrscheinlich sogar die größte Pandemie aller Zeiten.

Doch in den letzten Jahrzehnten scheint in Europa die Zahl der Menschen, die vom dem „Heilig-Geist-Virus“ inspiriert sind, rückläufig zu sein. Wenn man an die lebensfördernden Wirkungen des Virus denkt, ist das natürlich bedauerlich. Aber wir können dagegen etwas tun. Und wir sollen es auch. Denn diesen Auftrag gibt Jesus seinen Jüngern: „Wie mich der Vater gesandt hat“, sagt er, „so sende ich euch.“ Und dann haucht er sie an und sagt: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Mit anderen Worten: Wie Gott Jesus gesandt hat, um das „Heilig-Geist-Virus“ zu verbreiten, so sollen es auch seine Jünger tun. Nicht nur vor fast 2000 Jahren in Jerusalem, sondern auch heute noch – überall in der Welt. Denn bei der Verbreitung des „Heilig-Geis-Virus“ kommt es darauf an, dass die Inspirationskette nicht unterbrochen wird. Und dazu können auch wir etwas beitragen.

In den letzten Wochen haben wir ja gelernt, dass es bei der Verbreitung eines Virus besonders auf die Reproduktionszahl ankommt. Und die sollte beim „Heilig-Geist-Virus“ möglichst über 1,0 liegen. Das heißt: Wenn ein Inspirierter im Durchschnitt etwas mehr als eine weitere Person ansteckt, dann steigt die Zahl der Inspirierten. Und dazu können wir beitragen, indem wir von unserem Glauben erzählen und unseren Glauben praktizieren. Zu Hause in der Familie und bei Begegnungen mit anderen Menschen außer Haus.

Aber, liebe Gemeinde, vielleicht gibt es Zeiten, in denen Sie von dem „Heilig-Geist-Virus“ nicht mehr viel spüren. Und vielleicht fragen sich dann im Stillen, ob Sie überhaupt noch zu den Inspirierten gehören. Was kann man dann tun?

Sie können das „Heilig-Geist-Virus“ fördern und pflegen, indem Sie regelmäßig inhalieren: indem Sie den Geist, der von Jesus ausgeht, immer wieder bewusst in sich aufnehmen. So wie heute Morgen. Denn die Kirche ist eine Art Inhalationsraum, in dem das „Heilig-Geist-Virus“ immer wieder die Luft erfüllt. Und weil das Virus durch Worte übertragen wird, durchdringt es auch Mund-Nasen-Bedeckungen.

Und noch etwas ist wichtig: An diesem Ort können sie gut mit anderen Inspirierten in Kontakt kommen. Und das erhöht die Ansteckungschancen. Also, liebe Gemeinde: Lassen Sie sich anstecken von den Worten und Gedanken Jesu, von seinem Gottvertrauen und von seiner Menschenliebe. Und denken Sie bitte daran: Auch die Jünger vor fast 2000 Jahren hatten nur einen Hauch von Jesus. Aber der hat genügt, um viele andere zu inspirieren – und die Welt nachhaltig zu verändern. Amen.

Predigt zum Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020
(Pfarrer Johannes Zechmeister, Burghaun)

Nachdenklich sieht „der Alte“ heute aus. So nennen wir ihn, obwohl er gar nicht alt aussieht. Wie die Menschen darauf kommen, ihn sich als alten Mann mit Rauschebart vorzustellen, bleibt mir bis jetzt schleierhaft. Vielleicht hatte einer von ihnen
...
einem Menschen gegenüber einmal von „dem Alten“ gesprochen. Eigentlich ist sein Aussehen eher jung. Nicht mehr jugendlich, noch nicht alt. „In den besten Jahren“ wie man so sagt. Aber das tut eh nichts zur Sache. Wenn er so an seinem Schreibtisch sitzt, leicht zurückgebeugt mit geschlossenen Au-gen, dann denkt er intensiv nach. Jetzt nur nicht ansprechen. Schimpfen tut er zwar nicht. Dafür ist er viel zu freundlich und höflich, aber erfreut wäre er nicht. Ah, er schlägt die Augen auf.

„Komm’ doch bitte zu mir, Michael.“ Dabei winkt er mit der Hand. „Ich habe lange nachgedacht. Gar nicht so einfach mit meinen Menschen. Zuerst erschaffe ich eine wunderschöne Welt, setze sie ins Paradies und immer wieder dasselbe. Sie widerstreben, das zu tun, wozu ich ihnen rate. Mein Gesetz habe ich ihnen doch nicht aus Willkür gegeben. Es soll ihnen ein gutes Leben ermöglichen, frei, friedlich, gerecht, das, wonach sie sich ständig sehnen, und worum sie mich dauernd bitten!“ Sein Frust ist ihm anzusehen. „Dann die Sintflut - vielleicht die dümmste Idee, die ich je hatte. Und obwohl ich den Regenbogen an den Himmel setzte und nur der treue Noah und seine Familie übriggeblieben war, wieder dasselbe. Kaum ein paar Generationen vergangen, war alles wieder wie vorher. Dann schicke ich Mose, befreie mein Volk aus Ägypten und schließe den nächsten Bund mit ihnen. Meine 10 Gebote sind doch wirklich nicht zu viele! Oder?“ Ich nicke zustimmend. „Tja, auch nichts geworden. Selbst das kriegen sie nicht auf die Reihe … Aber, jetzt habe ich eine geniale Idee. Hör sie dir einmal an.“ Er winkt mich näher an sich heran und flüstert mir ins Ohr.

„Was meinst du?“ Ich muss grinsen. „Wirklich gut! Ja, das könnte klappen.“ „Wen haben wir gerade unten?“ „Jeremia.“ „Jeremia, gut, jammert ein wenig viel, aber ein guter Mann. Also, hör gut zu: Du lässt ihm meinen Plan zukommen und er soll ihn den Menschen verkünden. Bin gespannt, was dieses Mal daraus wird.“

Und Jeremia verkündet des Herren Wort (Jeremia Kapitel 31, Verse 31-34):
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hau-se Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vä-tern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Was ist eigentlich ein Bund? Ganz einfach: Eine Verpflichtung, die man anderen auflegt oder an die man sich selbst bindet. Wir kennen den „Bund des Lebens“. So nennen wir gelegentlich die Ehe. Zwei Menschen verpflichten sich, einander beizustehen und füreinander da zu sein, in den guten und schweren Tagen, ein Leben lang. Oder wir kennen „Bündnisse“ zwischen Staaten. Die NATO ist so ein Bündnis, bei dem sich unterschiedliche Staaten verpflichten, einander bei einem Angriff beizustehen.

In dem „neuen Bund“, von dem Jeremia spricht, geht Gott eine Verpflichtung ein. Er verpflichtet sich selbst, sein Gesetz den Israeliten in ihr Herz und ihren Sinn zu schreiben. Und er verspricht, ihnen ihre Verfehlungen zu vergeben. Der „alte Bund“, von dem der Prophet spricht, hatte noch einen anderen Charakter: In ihm verpflichten sich die Israeliten, Gottes Anweisungen zu folgen (2. Mose 24). Dass dies nicht geklappt hat, beklagt Jeremia in Gottes Namen (Jeremia 11). Nun ändert Gott die Art des Bundes: Statt sein Volk zu verpflichten, verpflichtet er sich selbst. Aus einer Verpflichtung, die er auferlegt, wird eine Selbstverpflichtung, an die er sich selbst bindet. Und noch etwas ist anders: Gott selbst wird die Menschen verändern. Er wird ihnen die Fähigkeit verleihen, seine Gebote zu halten. Es wird die Menschen keine Überwindung mehr kosten, das Gute zu tun. Sie werden aus innerem Verlangen gut handeln. Lebensdienlich, gerecht, friedlich so wie es Gottes guter Wille ist.

Ist das eingetreten, was Jeremia vor langer Zeit verkündet hat? Ja und Nein.
Ja, denn Gott hat uns gezeigt, dass er uns unsere Verfehlungen vergibt. Dies können wir im Blick auf den Gekreuzigten erkennen. Gott bestraft nicht die Sünder, sondern trägt selbst die Folgen unseres Unvermögens. Wir brauchen vor Gott keine Angst haben, müssen nicht befürchten, dass er uns bestraft.

Ja, er hat sein Gesetz in unser Herz gegeben und in unseren Sinn geschrieben. Dies werden wir nächste Woche feiern. Gott selbst, der Heilige Geist, erfüllt unser Innerstes. Er richtet unser Verlangen und Bestreben darauf aus, Gottes guten Willen zu vollbringen. Wir setzen uns ein für das Leben, wenn wir im Alltag nicht allein auf uns schauen, sondern auch die Folgen unseres Handelns bedenken. Wir engagieren uns in unseren Familien, an unserer Arbeits-stelle, in unserer Nachbarschaft und an den Orten, in denen wir leben, um diese Welt besser zu machen. Wir stärken den Frieden und handeln liebevoll. Nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es wollen.

Aber, und darin besteht das „Nein“ als Antwort auf obige Frage: Wir wissen darum, dass noch Vieles möglich ist. Unser Verhalten ist bei Weitem nicht perfekt. Wir verfehlen uns weiterhin. Und wir sehnen uns immer noch nach einer liebevollen Welt, in der Friede, Gerechtigkeit und Freiheit herrschen. Eine Welt, in der Menschen nicht immer wieder einander das Gute lehren und anmahnen müssen, weil es sooft an ihm mangelt.
Auf dieses Leben zwischen dem „Ja“ und dem „Nein“ weist uns die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten hin. Jesus hat uns den Himmel geöffnet. Dieser ist Bild für den Bereich, in dem Gott seine Herrschaft bereits errichtet hat. Hier ist sein neuer Bund schon voll erfüllt. Und manchmal erfahren wir dies bereits hier auf Erden, wo es uns gelingt, aus Gottes Geist zu leben.

Doch zugleich empfinden wir die Sehnsucht nach einer heileren, einer freieren Welt. Dies wird uns gerade in diesen Zeiten bewusst, in denen uns vieles verwehrt bleibt. Das, was Gott verheißen hat, ist mehr als wir oftmals erfahren. Doch er hat uns schon einen Vorgeschmack auf seine heilvolle Welt gegeben. Und diese wird sich durchsetzen. Dessen sind wir gewiss.

Die Worte des Jeremia bewegen mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich sie lese. Sie zeichnen Gott liebevoll. Er ist nicht auf Rache aus, sondern er hilft seinen unvollkommenen Menschen, also auch mir, „vergottet“ zu werden. Wir schaffen es einfach nicht, das Gute zu vollbringen, das wir tun möchten. Davon spricht auch Paulus (Römerbrief 7,9). Und so kommt er zu uns, erfüllt unseren Geist und unser Herz, damit wir auf ihn ausgerichtet sind. Zudem gibt er uns das Versprechen, dass alles gut werden wird. Angesichts dessen, wie unsere Welt ist, trösten mich diese Worte und geben mir Mut, mich für das Gute einzusetzen, auch wenn dessen Erfüllung ausbleibt.

So sind diese Worte starke Worte: Sie trösten bei all dem, was an Leid und Elend in dieser Welt erfahren wird. Denn Gott hat Gutes mit uns vor. Sie ermutigen, trotzt aller persönlicher Unzulänglichkeit sich weiter für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit einzusetzen. Denn Gott verzeiht unser Versagen und gibt selbst die Kraft, seinen Willen zu erfüllen.
Und wer weiß, vielleicht sitzt er mit einem Lächeln auf den Lippen in seinem himmlischen „Büro“ und freut sich darüber, dass sein Plan dieses Mal funktioniert, den Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen.

Der Wochenpsalm: Psalm 27 (EG 714),
Das Evangelium des Sonntags: Johannes 16,5-15
Lieder zum Lesen oder Singen: EG 128; EG 136; EG+ 20; EG+ 28

Predigt zu Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Leserinnen und Leser,
Himmelfahrt scheint ein christliches Fest zu sein, das aus der Zeit gefallen ist: ein lebender Toter oder toter Lebender, der lebendig in den Himmel aufsteigt? Das können, und so meine ich, müssen wir uns auch gar nicht
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vorstellen.
Himmelfahrt bedeutet, dass Jesus „seinen Status“ geändert hat. Nach Ostern hat sich unsere Beziehung zu Jesus Christus verändert: Er ist nicht mehr der Heiland einiger weniger in Israel vor 2000 Jahren, sondern er ist der Heiland der Welt geworden, derjenige, der mit allen Menschen überall und zu allen Zeiten eine Beziehung haben will. Diese Beziehung bedenkt das Himmelfahrtsfest.
Viel Freude beim Beten, Lesen und Bedenken.

Psalm zum Himmelfahrtsfest:
Psalm 47 (Psalm 47,2-10; Übersetzung: Luther 2017)
Schlagt froh in die Hände, alle Völker, / und jauchzet Gott mit fröhlichem Schall!
Denn der Herr, der Allerhöchste, ist zu fürchten, / ein großer König über die ganze Erde.
Er zwingt die Völker unter uns / und Völkerschaften unter unsere Füße.
Er erwählt uns unser Erbteil, / die Herrlichkeit Jakobs, den er liebt.
Gott fährt auf unter Jauchzen, / der Herr beim Schall der Posaune.
Lobsinget, lobsinget Gott, / lobsinget, lobsinget unserm Könige!
Denn Gott ist König über die ganze Erde; / lobsinget ihm mit Psalmen!
Gott ist König über die Völker, / Gott sitzt auf seinem heiligen Thron.
Die Fürsten der Völker sind versammelt / als Volk des Gottes Abrahams; denn Gott gehören die Schilde auf Erden; er ist hoch erhaben.

Gebet:
Großer Gott, wir freuen uns am Himmelfahrtsfest über die liebevolle Gemeinschaft mit dir und mit Jesus Christus. Schenke uns das feste Vertrauen, dass wir in dieser Gemeinschaft der Liebe leben und lieben können. Schenke uns das Vertrauen und den Mut, hier auf der Erde in Liebe miteinander umzugehen. Amen.

Predigt:
Martin hat seinen Status geändert. Auf WhatsApp oder auch auf Facebook kann man seinen Status ändern, je nach Belieben. Man kann Kontakte hinzufügen, sperren, den Ton ausstellen. Auch das eigene Profilbild ist nach Belieben veränderbar. Vom Foto mit Blumen und Wiese über ein Selfie hin zum Bild als Paar. Man kann seinen Status virtuell ändern, jederzeit. Martin hat seinen Status geändert. Man kann auch seinen Beziehungsstatus ändern. Von „In einer Beziehung“ auf „Single“. Hinter diesem nüchternen Beziehungsstatuswechsel steckt immer eine Geschichte, in diesem Fall eine traurige. Mindestens ein Mensch leidet an Liebeskummer, der andere möglicherweise an verletzten Gefühlen.

Eine Beziehung ist zu Ende gegangen. Auch wenn gerade junge Menschen noch häufiger ihren Beziehungsstatus ändern, gewollt oder ungewollt, und diese Beziehung vermutlich bei einem Zwanzigjährigen nicht die letzte sein wird, so ist es im Moment doch schlimm, sehr schlimm. Schlimm ist für den Teil der Beziehung, der verlassen worden ist.

Auch die Freunde und Freundinnen Jesu, seine Jüngerinnen und Jünger haben an Himmelfahrt ihren Status geändert. Nicht gewollt, aber zwangsweise. Aktuell heißt der Beziehungsstatus in ihren Augen: Freunde und Freundinnen ohne den geliebten Meister. Nachfolgerinnen und Nachfolger ohne Lehrer und Vorbild. Sie sind Single, allein, verlassen ihr Blick geht nach oben, denn irgendwo da oben im Himmel muss er ja sein, Jesus, der Freund, der Meister, der Rabbi, der Lehrer, ihr Vertrauter, der Erlöser der Welt, der Sohn Gottes. All das ist er, war er, denn jetzt nach seiner Auferstehung, nach Ostern, ist er weg und hat seine Freundinnen und Freunde zurückgelassen, verlassen. Die müssen jetzt Himmelfahrt mit ihrem geänderten Beziehungsstatus zurechtkommen. Und wir auch.

Nicht nur ich tue mich schwer mit diesem Feiertag namens Himmelfahrt. Nicht mit dem Feiertag an sich, sondern mit der Vorstellung des wunderhaften Geschehens, dass Jesus vor den Augen der Jünger gen Himmel fuhr. Aber wenn ich begreife, dass Himmelfahrt zu Ostern gehört und ein Teil des Auferstehungsgeschehens ist wie auch Pfingsten, dass ebenfalls zum Ostergeschehen gehört, dann kann ich mit diesem Festtag etwas anfangen. Dann geht es bei Himmelfahrt darum, noch tiefer in das Geheimnis des Auferstehungsgeschehens verstehend einzudringen. Und heute geht es darum zu begreifen, was der geänderte Status für die Jüngerinnen und Jünger damals und was es für uns bedeutet.

Ich stelle mir die Jüngerinnen und Jünger Jesu so vor, wie sie auf zahlreichen Gemälden in unserer Glaubensgeschichte abgebildet worden sind: Sie stehen da, völlig fassungslos, verwirrt, traurig, blicken in den Himmel. Vielleicht sind sie auch ein wenig neidisch. Was für ein Auf und Ab der Gefühle und Situationen hatten sie mit Jesus erlebt: die Zeit seiner Lehre in Galiläa, die Wunderheilungen, dann der begeisterte Empfang in Jerusalem, ein Einzug quasi auf dem roten Teppich, das letzte Abendmahl in ganz enger Gemeinschaft mit ihm, dem Freund, Vertrauten, Lehrer und Meister. Danach die Nacht in Gethsemane, verstörend, geradezu unheimlich diese inneren und äußeren Kämpfe, die Jesus mit seinem Vater ausfocht. Schließlich seine Verhaftung. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Jesus starb am Kreuz und mit ihm ihre Hoffnungen, Wünsche und Träume. Drei Tage später änderte sich wieder alles komplett: Jesus lebte, kaum zu glauben, fast zu schön um wahr zu sein.

Und nun wieder ein Abschied, diesmal ein Abschied im Guten, weil es nicht der Abschied des Sterbenden war, sondern der Abschied des Lebenden, in den Himmel, zu Gott, seinem Vater. Und dennoch: Wieder war es ein Abschied, wieder ein Verlassen-werden, diesmal mit der sicheren Gewissheit, dass es ein endgültiger Abschied ist. Endgültige unwiderrufliche Abschiede tun weh. Vor allem dann, wenn der andere „Schluss“ gemacht hat, und ich allein zurückbleibe. So geht es uns, wenn der Tod uns einen Menschen nimmt und wir weiterleben müssen, wenn der geschätzte Kollege und Mitarbeiter geht und eine Lücke hinterlässt. Wenn die gute Freundin in eine andere Stadt zieht, oder wenn eine Liebesbeziehung zu Ende geht. Der Beziehungsstatus wird unfreiwillig geändert.

Die Jünger werden eine lange Zeit gebraucht haben, bis sie realisiert und verstanden haben, dass und wie sich ihr Beziehungsstatus geändert hat. Aber die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben nach Himmelfahrt nicht den Beziehungsstatus „Single“, denn sie sind nicht allein und auch nicht verlassen. Ihr neuer Beziehungsstatus lautet: „Alle eins“. Oder auch: „Wir in Christus und Christus in uns“. Das hat Jesus ihnen zum Abschied mitgegeben, in den sogenannten Abschiedsreden im Johannesevangelium, vor seiner Kreuzigung und Auferstehung. Jesus hat sie nicht allein gelassen. Hören wir den Predigttext für das Himmelfahrtsfest aus dem Gebet, das die Abschiedsreden beendet. In diesem Teil des Gebetes bittet Jesus: (Joh 17,1a.20-26; Übersetzung: Luther 2017):
1 Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: 20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, 21 dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, 23 ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. 24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. 25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

„Abschied ist die innigste Form menschlichen Zusammenseins,“ schrieb der Schriftsteller Hans Kudszus. Dieser Satz fasst sehr gut die Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium zusammen. Zu diesem innigen Zusammensein gehört auch das Gebet, die Fürbitte für die, die Jesus zurücklässt und für die, die neu dazukommen werden. Himmelfahrt bedeutet Abschied, und doch bleibt eine enge, innige Verbindung. Man merkt dem Gebet Jesu an, wie sehr er um seine Jünger, also auch um dich und mich, ringt und bittet. Wenn er für die bittet, die durch das Wort der Jüngerinnen und Jünger zum Glauben kommen, dann meint er auch uns heute, dich und mich, jeden einzelnen Menschen, der an ihn glaubt und noch glauben wird. Jesus wird nicht müde zu sagen, wie eng die Verbindung ist zwischen ihm und dem Vater und zwischen uns und ihm. Seit seiner Himmelfahrt können die Jüngerinnen und Jünger ihn nicht mehr berühren. Er kann ihnen nicht mehr den Arm um die Schulter legen, sie an die Hand nehmen und berühren. Sie haben aber gespürt, wie viel ihm an ihnen – und damit auch an uns – liegt, wie sehr er unser Innerstes berühren will. Er ist in uns. So eng, wie die Verbindung zu Gott, dem Vater ist, ist auch die Verbindung zu uns. „Ich bin in ihnen und du in mir“, so betet Jesus zu seinem Vater, der durch ihn auch unser Vater geworden ist.
Jesus Christus in mir. Er, der so Großes, Unfassbares getan hat, findet Platz und Raum in mir. Das können wir nicht sofort verstehen. Dazu kann uns die Tradition des Herzensgebetes helfen.

Beim Einatmen beten wir: Jesus – beim Ausatmen: in mir. Es gibt auch andere Kurzgebete: Jesus Christus – beim Einatmen; erbarme dich – beim Ausatmen.
Mit jedem Einatmen und mit jedem Ausatmen fließen die Worte des Gebetes mit dem Atem durch uns und in uns. Christus – in mir. So wie die Luft durch unseren Körper strömt, Leben spendend bis in die kleinste Zelle, so will Jesus Christus in uns sein: Er will uns ausfüllen bis in die Fingerspitze und bis in den kleinen Zeh. Jesus Christus in mir. Mit jedem Atemzug kommt er uns näher, nimmt Raum ein mit seinen Worten, seiner Liebe, mit dem Heil, das er schenken will.

Unsere Sorgen und Nöte, die Ängste, die Arbeit, die Aufgaben, all das, was uns sonst in Beschlag nimmt, Raum einnimmt, viel zu viel Raum, das ist alles auch noch da, aber die Sorgen des Alltags werden kleiner. Das, was scheinbar riesengroß wurde und damit unbezwingbar, wird auf das wirkliche, das rechte Maß zurechtgestutzt. Damit kann ich umgehen oder ich sehe, dass ich mir Hilfe holen muss. Ich werde wieder handlungsfähig, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Ich kann wieder Entscheidungen treffen. Ich kann damit leben, wenn nicht alles perfekt funktioniert, weil ich nicht allein bin, weil Jesus Christus mit seiner Liebe in mir ist, weil ich mit jedem Atemzug meines Lebens dieser Liebe mehr und mehr vertrauen kann.

Inniger geht es nicht. Und vielleicht nur für einen Moment erahnen wir die enge Verbindung zwischen Jesus Christus und seinem Vater. „Ich in ihnen und du in mir“, so beschreibt es Jesus selbst. Wir sind und bleiben in Beziehung zu Jesus Christus und mit ihm und durch ihn zu Gott, dem Vater, auch und gerade nach Himmelfahrt.
Aber nicht nur die Verbindung zu Jesus Christus bleibt. Es geht nie nur um mich als „singuläres“ Individuum und meine enge Verbindung zu Gott, die sich in der Nähe zu Jesus Christus zeigt. Es ist so, als ob diese enge, ja vielleicht auch schon mystische Verbindung geerdet wird. Diese Verbindung mit Jesus Christus hat ein Ziel. Immer wieder sagt Jesus im Gebet, dass die innige Verbindung Folgen hat. Auch wenn der Sohn jetzt beim Vater ist, er will etwas von uns und für uns – und für die Welt: die Welt als die Noch-nicht-Glaubenden sollen erkennen, dass Gott ihn aus Liebe zum Heil in die Welt gesandt hat. Das ist das Ziel der Sendung Jesu. Das ist und muss das Ziel unserer Arbeit sein: die Liebe Gottes in die Welt bringen.

Es geht nie nur um dich und mich, um uns. Es geht auch nicht darum, dass wir möglichst viele werden oder als Kirchen machtvoll dastehen in der Gesellschaft. Es geht darum, dass die Welt durch uns die Liebe Gottes erfährt, diesem Gott in Beziehung. Es sind immer wieder die liebevollen Verbindungen, die wir erfahren dürfen, die uns mit unseren beschränkten Möglichkeiten ahnen lassen, wie eng und wie liebevoll die Beziehung zwischen Gott und seinem Sohn ist: Diese liebevolle Verbindung gilt es in die Welt zu tragen, sie den Menschen zu bezeugen.

Das sollten wir uns stets vor Augen halten, wenn wir in unseren Gemeinden diskutieren über evangelisches Profil, über Stellenstreichungen oder den Mangel an Geld und an Mitarbeitenden. Wir müssen mit den sich ständig verändernden Realitäten leben – wie übrigens auch die Jünger damals. Und das ist weder gut noch schlecht, das ist einfach so – aber wir haben nur dann ein wirklich evangelisches, genauer ein dem Evangelium gemäßes Profil, wenn wir in unserem Tun und Lassen, in unserem Verhalten, diesen Gott in liebevollen Beziehungen, spiegeln. Es besteht schon ein atmosphärischer Unterschied, wenn wir uns beispielsweise ehrenamtlich engagieren für benachteiligte Menschen, nicht nur weil wir gefragt werden oder etwas für andere tun wollen, sondern weil wir von Gottes Liebe bewegt werden und diese Liebe weitergeben wollen. Liebe schafft eine andere Atmosphäre. Diese vielleicht heute neue Perspektive, aber doch sehr alte Wahrheit bedeutet nicht unbedingt mehr messbare Kirchenmitglieder. Deswegen kommen nicht unbedingt sofort mehr Menschen in die Gottesdienste, aber die Atmosphäre ändert sich, sie wird liebevoller, gelassener, entspannter. Und das wird langfristig nicht unbemerkt bleiben. Indem wir liebevolle Beziehungen leben, verkündigen wir damit unseren liebenden und liebevollen Gott! Vielleicht probieren wir diese Denk- und Lebensweise aus, lassen uns bei unseren Entscheidungen davon leiten und nicht allein von den Ressourcen, die wir haben oder eben nicht haben.

Vielleicht denken Sie jetzt „Das ist mir zu viel an Beziehung“. Viele haben es ja nicht so mit der Gemeinschaft des Einsseins. Sie betonen gerne ihre Einmaligkeit, jeder Gedanke an Uniformität ist ihnen zuwider: Jesus Christus in mir, ich in Gott, das ja, aber eins sein mit anderen, das eher nicht! Das ist zu kurz gedacht, das eine ist nicht ohne das andere zu haben! Jesus Christus und Gott, der Vater, machen es uns ja vor: Es geht darum, gemeinsam gekannt und genannt zu werden, aber es geht nicht darum, sich selbst aufzulösen. Der Sohn bleibt Sohn, der Vater bleibt Vater, und doch sind sie eins. Ich bleibe ich und du bleibst du, und doch können wir nur gemeinsam der Welt etwas zeigen von dem liebenden Gott. Die Herrlichkeit Gottes verbindet uns: seine Liebe, und nicht gleiches Denken, Handeln, Fühlen oder gar Aussehen!

Martin hat seinen Beziehungsstatus geändert: Jesus Christus in ihm. Wir alle in Beziehung zu Gott und Jesus Christus. Wir alle sind eins! Amen.


Fürbitten
Vater im Himmel, wo Menschen am Ende sind und Abschied nehmen müssen, da eröffne ihnen einen neuen Anfang. Wo Menschen auf Hass und Gewalt setzen, erwärme sie mit Strahlen deiner Liebe.
Wo Menschen niemand anderen mehr sehen können als nur sich selbst, da schick ihnen Menschen als deine Boten. Wo es Menschen fehlt an Arbeit und Brot, gib ihnen Nahrung für Seele und Leib.
Wo Menschen sich im Streit verloren haben, lass sie Wege der Versöhnung finden. Wo Menschen dich suchen und nach dir fragen, eröffne ihnen Räume, wo sie dir begegnen und sende Menschen, die von deiner Herrlichkeit erzählen.
Wo die Kirchen um Gemeinschaft ringen, schenke du den Blick für das Verbindende, und die Begeisterung, von deiner Liebe und Herrlichkeit zu erzählen. Lass so alles Trennende überwinden.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, der in diese Welt gekommen ist, unser Bruder, von dir erhöht über alle Himmel.

Vater unser
Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. (Numeri 6,24-26)
Amen. Amen. Amen.

Predigt zum Sonntag Rogate, 17. Mai 2020
(Pfarrer Johannes Zechmeister, Burghaun)

Liebe Leserinnen und Leser,

wissen Sie noch, wann Sie das „Vaterunser“ gelernt haben? Ganz genau weiß ich es nicht mehr. Ich war noch ein Kind. Es war wohl im Kindergottesdienst in Breuna, bei dem wir es so oft miteinander gesprochen haben, bis
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ich es schließlich auswendig konnte.
Seit meiner Kindheit begleitet mich dieses Gebet. Als Konfirmand, als Student und - natürlich - auch als Pfarrer. Zwar bete ich es nicht täglich, dafür aber an manchen Tagen mehrmals: im Gottesdienst sowieso, am Ende von Sitzungen oder der Konfirmandenstunde und den Seniorenkreisen oder auch bei Aussegnungen. Ja, das „Vaterunser“ begleitet mich, wie es mir von Kindheit an vertraut ist.

Es sind nur wenige Worte, die Jesus uns da gelehrt hat. Wir sollen nicht „plappern wie die Heiden“, so steht es zumindest im Predigttext für den diesjährigen Sonntag „Rogate“. „Betet“ heißt dies übersetzt. Es sind die Verse 5 bis 15 aus dem sechsten Kapitel des Matthäusevangeliums:

Vom Beten. Das Vaterunser
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Es sind nur wenige Worte, die Jesus uns lehrt und doch beinhalten sie alles, was für uns Menschen wichtig ist: den Blick auf Gott, die Körperlichkeit, die sozialen Bezüge, die Versuchung und die Ewigkeit.

Jesus spricht Gott als den „Vater“ an. Uns ist dies geläufig. Wir kennen das Gebet nicht anders. Doch in der Antike war es nicht selbstverständlich, Gott als persönliches Gegenüber zu verstehen. Für viele Menschen und die Gesellschaft waren der kultische Vollzug der Religion wichtiger als der persönliche Glaube. Doch gerade die persönliche Beziehung zu Gott stellt Jesus in den Mittelpunkt des Gebets. Die Anrede stellt ihn uns als liebe- und fürsorgevollen Vater vor, dem wir uns anvertrauen können, ohne vor ihm Angst zu haben. Die „feministische Theologie“ hat später die Problematik der Anrede aufgezeigt. Wenn Gott aufgrund dieses Gebets als Mann gesehen und Frauen dadurch abgewertet werden, werden Jesu Worte falsch verstanden. Sie hat auch dargelegt, dass bei Menschen, deren Väter wenig liebevoll, abweisend oder sogar gewalttätig waren, die Anrede Gottes als des „Vaters“ dazu führen kann, Gott als grausam zu verstehen. Doch das ist genau das Gegenteil dessen, was Jesus gemeint hat: Gott ist liebevoll und freundlich.

Gott meint es gut mit uns. Er wird seinen heilvollen Willen durchsetzen, darauf können wir vertrauen. Im Himmel hat er dies schon getan, auf Erden soll dies noch geschehen. Viele Generationen haben gelernt, diesen Satz ganz anders zu verstehen: Gottes Wille zählt, du hast dich unterzuordnen, auch wenn es dir schadet. Oder Gottes Wille wurde in Anspruch genommen, um grausam zu handeln: Deus vult! - Gott will es! So wurde für die Kreuzzüge im Mittelalter geworben. Doch so meint es Jesus nicht. Gottes Wille schafft das Gute - im Himmel ist schon erreicht, was auf Erden in Zukunft folgen wird. Nach dem Blick auf Gott wendet sich das Gebet uns Menschen zu und lehrt uns darin, wer wir sind und was für uns notwendig ist.

Da ist zum einen das tägliche Brot. Ja, wir Menschen sind körperliche Wesen. Das, was uns Menschen ausmacht, ist unser Miteinander von Geist und Körper. Anders als bei manchen philosophischen Denkern oder wie von manchen modernen Wissenschaftlern behauptet, bilden nach biblischem Denken Geist und Körper eine Einheit. Mein Geist, meine Lebensgeschichte ist an meinen Körper gebunden. Mit dem Körper, sei es als Kind, Erwachsener oder Greis, erfahre ich die Welt, handle in ihr und tausche mich mit ihr aus. Auf diese Körperlichkeit weist Jesus hin. Und er weist uns darauf hin, dass wir das tägliche Brot zum Leben benötigen.

Mich erdet er mit dieser Aussage sehr. Bei allen Sorgen um den Verlust von Wohlstand, den ich von Kindheit an gewöhnt bin, verweist er mich auf das Wesentliche. „Was brauchst du eigentlich wirklich?“ Wenn ich ehrlich bin: Deutlich weniger als ich bisher hatte und in Zukunft haben werde. So nimmt mir diese Bitte die Angst, zu wenig zu haben, und macht mich frei, auf andere zu schauen, denen es am Nötigsten zum Leben mangelt.

Doch wir Menschen sind nicht allein körperliche Wesen. Wir sind auch soziale Wesen. Dessen war sich auch der griechische Philosoph Aristoteles bewusst. Er betrachtet den Menschen als „Zoon politikon“, ein „gesellschaftliches Wesen“. Jesus drückt dies anders aus. Doch er weiß darum, dass wir aufeinander angewiesen sind: auf unsere Familien, Freunde, Bekannten. Und zugleich spricht er einen wesentlichen Punkt menschlichen Zusammenlebens an: Es bleibt nicht aus, dass wir einander schuldig werden. Wer weiß das nicht? Das Versprechen, der Freundin gegeben - nicht gehalten! Im Zorn ein böses Wort an den Mann gerichtet. Das Kind abgewimmelt, weil es gerade nicht passt. Den eigenen Vorteil über das Wohl des Mitmenschen gestellt. Schuld erfahren wir immer wieder, sei es, dass wir selbst schuldig werden oder von anderen verletzt, gedemütigt, hintergangen werden. Manchmal mit Absicht, oftmals im Affekt. Nur, wenn wir einander vergeben, können wir auf Dauer so zusammenleben, dass wir glücklich damit sind. Das gilt für alle unsere Beziehungen, nicht nur in der Familie, sondern auch im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen oder Freunden. Und allein zu sein? Das ist auch keine Lösung, wie vor allem all diejenigen derzeit erfahren, deren soziale Kontakte stark eingeschränkt sind. Da ist es egal, ob man jung ist oder alt. Wir sind eben Beziehungswesen. Und in unseren Beziehungen sind wir auf die Vergebung unserer Verfehlungen angewiesen, wie wir angehalten sind, anderen ihre Verfehlungen zu vergeben. Dann gelingt menschliches Zusammenleben. Darum weiß Jesus und daher lehrt er uns, darum zu bitten.

Und er weiß auch darum, dass wir Menschen schlecht darin sind, Versuchungen standzuhalten. Anders als der griechische Philosoph Platon geht die Bibel nicht davon aus, dass der Mensch das Gute tut, wenn er darum weiß. Ich finde das sehr realistisch. Ja, auch ich handle oftmals nicht so, wie es eigentlich angemessen wäre. Im Tun des Guten ist bei mir noch viel Luft nach oben. In der Bergpredigt Jesu, in deren Mitte das „Vaterunser“ steht, stellt uns Jesus radikal vor Augen, wie wir eigentlich handeln sollten. Und wie wir es oftmals wider besseres Wissen doch nicht tun. In der Tat können wir Menschen Versuchungen oft nur schlecht widerstehen. Wir sind auf Gottes Hilfe angewiesen. Er möge uns davor bewahren, in Versuchung zu geraten.

Und er möge uns von dem „Bösen“ erlösen. Denn wir selbst können sie nicht vollbringen, die endgültige Befreiung von dem, was uns gefangen nimmt, die Befreiung von dem, was uns abhält, das Gute zu tun. Wir sind auf Gottes gnädiges Handeln angewiesen. Dass uns Gott befreien wird, davon erzählt das Osterfest. Die Botschaft, dass Jesus in seinem Tod und durch seine Auferstehung Sünde und Tod überwunden hat, klingt in diesen Tagen nach. Auch wir werden befreit sein. Und wir werden so sein und handeln wie Gott das wünscht und wir das im Tiefsten auch wollen, aber in dieser Welt nicht können - nämlich vollkommen gut, erlöst von Angst und Verlangen.

Mit dem Blick auf die Ewigkeit endet das „Vaterunser“. Es verdeutlicht uns, dass Gott die Macht hat, sein Reich und seinen guten Willen durchzusetzen. Unser Leben wird unter den Horizont von Gottes Handeln gestellt. Von Gottes Ewigkeit her, davon, dass sich sein Reich durchsetzen wird, können wir unser Leben führen. Von diesem Ende her sollen wir unser Leben betrachten, das arg begrenzt ist. Von Gottes Versprechen, uns die Herrlichkeit zu schenken, gewinnen wir Kraft und Zuversicht.

Das gilt auch, aber nicht allein, gerade für unsere besondere Zeit. Und so führt uns das Ende des „Vaterunsers“ an seinen Anfang zurück. Nämlich, dass wir unser Leben Gott anvertrauen können. Ihm, der unser liebevoller Vater ist. Amen.

Predigt zum Sonntag Kantate, 10. Mai 2020
Pfarrer Jürgen Gossler

Liebe Gemeinde,

Mitte März hatte die hessische Landesregierung ein Versammlungsverbot erlassen, um der schnellen Weiterverbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken. Vor etwa zwei Wochen hat sie dieses Verbot für Gottesdienste aufgeboben – oder
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besser gesagt: gelockert. Denn damit Gottesdienste wieder stattfinden dürfen, mussten die Kirchen ein Konzept vorlegen, das den Schutz der versammelten Gemeindemitglieder vor einer Infektion gewährleisten soll. Das Schutzkonzept unserer Landeskirche enthält strenge Sicherheits- und Hygienevorschriften. Um genügend Zeit für die sorgfältige Umsetzung des Konzepts zu haben, haben die meisten Gemeinden des Kirchenkreises Fulda beschlossen, die Gottesdienste erst am Pfingstsonntag wieder aufzunehmen.

Ich halte diesen Termin für sinnvoll, auch wenn man darüber diskutieren kann, ob ein etwas früherer Zeitpunkt möglich gewesen wäre. In eine seltsame, ja geradezu groteske Situation wären wir allerdings geraten, wenn wir mit den Gottesdiensten schon heute wieder begonnen hätten. Denn der heutige Sonntag trägt den lateinischen Namen „Kantate“. Zu Deutsch: „Singt!“ Genau das hätten wir aber heute im Gottesdienst nicht tun dürfen! Und auch in den nächsten Wochen wird für alle unsere Gottesdienste das Motto gelten: „Singen verboten!“ Denn beim Singen können sich Viren auch über größere Entfernungen verbreiten; und dann wären die Gottesdienstteilnehmer auch bei Einhaltung des Abstandsgebots vor möglichen Infektionen nicht mehr ausreichend geschützt.

Ich muss zugeben: Der Gedanke, dass Gottesdienste für längere Zeit ganz ohne Gemeindegesang stattfinden werden, hat für mich etwas Beklemmendes.
Ja, solange wir in unseren Gottesdiensten nicht wieder singen dürfen, fällt es mir schwer, davon zu sprechen, dass wir Gottesdienst feiern. Denn zum feierlichen Charakter eines Gottesdienstes gehört für mich das Singen der Gemeinde. Doch ich sehe ein, dass wir uns momentan in einer Ausnahmesituation befinden. In dieser Situation müssen wir auf das Singen verzichten, weil es für andere zu einem Krankheitserreger werden könnte.

Normalerweise ist das aber ganz anders. Normalerweise ist das Singen ein „Gesundheitserreger“. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Musikwissenschaftlers Karl Adamek, bei der es um die Auswirkungen des Singens auf die Gesundheit ging. Seine Untersuchung, an der mehr als tausend Personen teilgenommen haben, hat gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig singen, gesünder sind als Menschen, die nicht singen. Und das sowohl in körperlicher als auch in seelischer Hinsicht. Denn zum einen stärkt regelmäßiges Singen das Immunsystem; und zum anderen sind Menschen, die singen, „lebenszufriedener, ausgeglichener und zuversichtlicher. Sie haben ein größeres Selbstvertrauen, sind häufiger guter Laune, verhalten sich sozial verantwortlicher und hilfsbereiter und sind psychisch belastbarer.“

Doch nicht nur für jeden einzelnen hat das Singen eine positive Wirkung, sondern auch für die Gemeinschaft. Denn es gibt kaum etwas, das eine Gruppe von Menschen stärker miteinander verbindet, als das Singen. Das kann man in jedem Fußballstadion erleben. Das gemeinsame Singen gibt den Fans das Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein, und zugleich sind ihre Gesänge eine große Unterstützung für die eigene Mannschaft. Wenn in Kürze in der Fußballbundesliga sogenannte Geisterspiele stattfinden, also Spiele ohne Zuschauer, dann werden die Spieler wahrscheinlich nichts so sehr vermissen wie die Gesänge ihrer Anhänger.

Aber Singen verbindet nicht nur die Fans in den Fußballstadien, sondern auch die Gottesdienstteilnehmer in der Kirche. Da kann der Pfarrer im Gottesdienst am Heiligen Abend erzählen, was er will: Wenn am Ende nicht „O du fröhliche“ gesungen wird, war es für viele kein richtiger Weihnachtsgottesdienst. Das geht mir auch so. Und wenn in einer voll besetzten Kirche alle aus voller Brust „Großer Gott, wir loben dich“ singen, kriege ich heute noch manchmal eine Gänsehaut, obwohl ich dieses Lied doch schon unzählige Male gesungen habe. Weil ich in diesem Augenblick eine Kraft spüre, die mein kleines Ich überschreitet und mich im Gotteslob mit allen anderen Sängerinnen und Sängern vereint.

„Kantate! Singt!“ Wie schön wäre es gewesen, wenn wir der Aufforderung, die im Namen des heutigen Sonntags steckt, hätten folgen können! Wie schön wäre es gewesen, wenn wir uns heute zum Gottesdienst hätten versammeln und nach Kräften hätten singen können! Und wie schade ist es, dass wir das heute und auch in den nächsten Wochen nicht tun dürfen.

Seinen Namen verdankt der heutige Sonntag dem Wochenspruch aus dem 98. Psalm. Er lautet: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ (Ps 98,1) Der Wochenspruch fordert uns also nicht nur auf zu singen, sondern er sagt auch, für wen und warum wir singen sollen. Wir sollen Gott, dem Herrn, singen, weil er Wunder tut. Aber stimmt das eigentlich? Tut Gott wirklich Wunder? Haben Sie schon einmal ein Wunder miterlebt?

Ich schon. Denn ich war dabei, als vor fast 17 Jahren unsere Tochter zur Welt kam. Und viele von Ihnen haben so etwas sicher auch schon erlebt. Vielleicht sogar mehrmals. Und vielleicht haben auch Sie es als ein Wunder empfunden, wenn ein neuer Mensch das Licht der Welt erblickt hat. Doch das sehen nicht alle so. Manche würden sagen: Was soll denn daran ein Wunder sein? Eine Geburt doch ein ganz natürlicher Vorgang. Mag sein. Aber sogar viele Hebammen, die diesen Vorgang schon hundertfach miterlebt haben, sprechen davon, dass jede Geburt ein Wunder ist.

Im Gegensatz zum Beter des 98. Psalms können wir können die Entstehung des Lebens im Mutterleib zwar wissenschaftlich erklären. Wir wissen, dass am Anfang der Lebensentwicklung die Verschmelzung einer Eizelle und einer Samenzelle steht und dass unzählige Erbinformationen schon die spätere Größe des Kindes, seine Augenfarbe und viele seiner Eigenschaften bestimmen. Die Mediziner können uns erklären, wie sich die Gliedmaßen und die inneren Organe des Kindes, der Kopf und das Gehirn ausbilden. Aber ist etwas nur deshalb kein Wunder mehr, weil es sich wissenschaftlich erklären lässt?

Viele Menschen scheinen so zu denken. Für mich ist es genau umgekehrt: Ist es nicht geradezu unglaublich, wie viele Faktoren bei der Entstehung menschlichen Lebens zusammenspielen müssen? Und ist, wenn man das bedenkt, nicht unser ganzes Leben ein einziges großes Wunder?

Albert Einstein, der wahrscheinlich genialste Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, hat diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Denn er hat einmal gesagt: „Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres.“ Wenn man aber glaubt, dass alles ein Wunder ist – nicht nur die Geburt eines Kindes, sondern die ganze Welt, in der wir leben dürfen – dann drängt sich die Frage nach der schöpferischen Kraft auf, dieses Wunder hervorbringt. Die biblische Überlieferung ist von der Überzeugung durchzogen, dass der Urheber dieses Wunders Gott ist.

Der Dichter des 98. Psalms fordert uns dazu auf, Gott für dieses Wunder zu loben. Und die beste Art und Weise, das zu tun, ist für ihn das Singen. Dem würde wohl auch der Musikwissenschaftler Karl Adamek zustimmen. Denn er bezeichnet das Singen als „die unmittelbare Sprache der Seele“.

Wenn wir zum Lob Gottes singen, erhebt sich unsere Seele zu dem, der uns das Wunder des Lebens geschenkt hat. Und singen kann im Prinzip jede und jeder für sich zu jeder Zeit und an den verschiedensten Orten: im Wohnzimmer ebenso wie unter der Dusche oder im Auto. Machen Sie von dieser Möglichkeit Gebrauch! Sie tun damit auch sich selbst etwas Gutes. Denn Singen ist ja ein „Gesundheitserreger“.

Zurzeit müssen wir allerdings auf gemeinsames Singen verzichten, weil unser Singen für andere zum Krankheitserreger werden könnte. Doch es wird auch wieder der Tag kommen, an dem wir uns wieder ohne Einschränkung von Teilnehmerzahlen und ohne Einhaltung von Abstandsregeln zur selben Zeit und am selben Ort versammeln können, um aus vollem Herzen und voller Kehle zu singen, und Gott gemeinsam für das Wunder des Lebens zu danken. Auf diesen Tag freue ich mich schon jetzt – und Sie sich hoffentlich auch. Amen.

Gottesdienst für Zuhause – Jubilate, 3. Mai 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Gemeinde!

Ostern liegt hinter uns, auch wenn wir es nicht wie sonst mit Gottesdiensten in unseren Kirchen gefeiert haben. In den Sonntagen bis Pfingsten bedenken wir, welche Bedeutung die Auferstehung Jesu Christi für unser Leben hat.

Zeiten
...
der Krise, so auch die gegenwärtige Corona-Krise, offenbaren das, was in uns Menschen steckt. Wir können egoistisch und kleinkariert handeln, nur auf unseren Vorteil bedacht sein, oder wir können uns um die Interessen der anderen sorgen. Wir können fürsorglich sein und unseren Nächsten so lieben, wie wir uns selbst lieben sollen und können. Paulus schreibt im 2.Korintherbrief: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Das Neue ist unter anderem die Liebe, die Gott in diese Welt gebracht. Sie können wir in unserem Verhalten spiegeln.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.


Psalm

Ps 116, 1-9 (Luther 2017)

Das ist mir lieb,
dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört.
Denn er neigte sein Ohr zu mir;
darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.
Stricke des Todes hatten mich umfangen, /
des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen;
ich kam in Jammer und Not.
Aber ich rief an den Namen des Herrn:
Ach, Herr, errette mich!
Der Herr ist gnädig und gerecht,
und unser Gott ist barmherzig.
Der Herr behütet die Unmündigen;
wenn ich schwach bin, so hilft er mir.
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der Herr tut dir Gutes.
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,
mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
Ich werde wandeln vor dem Herrn
im Lande der Lebendigen.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang,
jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gebet zum Tage

Barmherziger Gott, lieber Vater im Himmel.
Wir wollen verstehen,
was die Auferstehung Jesu von den Toten für unser Leben bedeutet.
Sprich durch dein Wort zu uns.
Gib, dass uns dein Wort erreicht,
der du mit deinem Sohn Jesus Christus in der Einheit des Heiligen Geistes
lebst und herrschst in alle Ewigkeit.
Amen.

Ansprache

Liebe Gemeinde!
„Acht Jahre umsonst“, sagt sie mir auf der Straße, wo ich sie treffe, wie sie Umzugskartons schleppt, allein. Sie zieht um, weil sie sich von ihrem Lebenspartner trennt. „Acht Jahre meines Lebens umsonst“, sagt sie und die Verzweiflung scheint aus allen Poren zu kommen. Sie haben sich bei der Arbeit kennengelernt, vor acht Jahren. Sie sind schnell zusammen-gezogen. Beide wollten keine Kinder. Ihre Hochzeit haben sie zweimal verschoben. Sie begründeten es damit, dass die Zeit noch nicht reif sei, die Arbeit zu viel und die Karriere zu wichtig sei, oder dass die Verwandten zum geplanten Termin nicht kommen konnten. Das, was Menschen sich so sagen, wenn sie nicht wahrhaftig sind. Sie sind umgezogen, in eine größere und schönere Wohnung, mit der Hoffnung, dass ihre Beziehung ebenfalls größer und schöner wird. Und dann gab es neulich denn Krach. Er hat eine andere, sagt sie. Seitdem herrscht Streit, tagelang, wochenlang. Zum Schluss ein heftiger Streit mitten in der Nacht. Als Konsequenz hat sie sich eine Wohnung gesucht und zieht nun aus. „Acht Jahre umsonst“, sagt sie, schreit es fast heraus. Alle Welt soll ihr Elend hören.

Ich kann das Gefühl verstehen, dass alles umsonst gewesen zu sein scheint. Umsonst die Arbeit und die Mühen der Liebe: die Geschenke, die gemeinsamen Reisen, das Erdulden der Fehler. Zusammenleben ist nicht leicht, war es noch nie und wird es vermutlich auch nie sein. Man zieht zusammen, heiratet, hat vielleicht Kinder. Und dann, dann trennt man sich wieder. Vieles geht heute schnell. Unsere Ansprüche aneinander und an das Leben sind groß, manchmal zu groß. Und unsere Pläne und Erwartungen häufig riesig. Wir Menschen sind aber manchmal zu klein für unsere großen Pläne und riesigen Erwartungen, so passen sie nicht in unseren Anzug aus Sehnsucht und Hoffnung. Und dann stehen wir da, ratlos, hilflos – war wirklich alles umsonst?

Auf dem Weg nach Hause denke ich, dass mir solche Gedanken auch schon in den Sinn gekommen sind. Als eine Liebe zu Ende war, meinte ich: Alles umsonst. Meine Lebenszeit vergeudet, völlig umsonst. Tage, Wochen habe ich an der Trennung gelitten, an meiner Schuld, an den vielen dummen Fehlern und viel zu lauten Worten. Ich habe gelitten, bis ich merkte: Ich kann etwas lernen. Umsonst und vergeudet ist meine Lebenszeit nur, wenn ich nicht aus meinen Fehlern lerne. Wenn ich einfach so weitermache wie bisher, zur Tagesordnung übergehe und einen neuen Menschen wieder so behandle wie gehabt – ja, dann war es wohl umsonst. Es ist nicht umsonst gewesen, wenn ich versuche, mich zu ändern. Die Mühen der Liebe sind nicht umsonst, niemals. Ich kann viel aus Fehlern lernen, wenn ich denn bereit bin, sie mir genau anzuschauen. Heute denke ich, dass es gerade die Fehler und Misserfolge sind, aus denen ich am meisten und am besten gelernt habe.

Natürlich, wenn die Liebe weg ist, will man sich verkriechen, sich die Decke über den Kopf ziehen, nichts mehr hören und auch die eigene Schuld nicht sehen. Aber dann muss man doch wieder raus. Arbeiten, die Eltern besuchen, die Kinder zur Schule bringen. So viel muss erledigt werden. Die neue Liebe wartet vielleicht. Mühen der Liebe sind nie umsonst. Immer bringen sie Früchte, vielleicht bei der neuen Liebe. Hauptsache, ich lerne etwas; ich werde hellsichtig. Nichts ist vergeblich, was in Liebe geschieht, denn die Liebe stirbt nicht. Und wenn sie stirbt, erwacht sie ganz neu. So will Gott es, so hat es sich Ostern an der Auferweckung Jesu gezeigt. So handelt Gott an uns.

Stimmt das? Ist das wahr, dass die Liebe nicht stirbt und sie sich immer wieder erneuert? Wie ist das, wenn das alte Leben vergeht, gewollt oder gezwungenermaßen? Wie ist das mit dem Neuen? Gibt es das? Ein neues Leben, wenn das alte verbraucht ist?
Mit diesen Gedanken habe ich mich an den Predigttext gesetzt.

Paulus schreibt an die Korinther in seinem zweiten Brief (2.Kor 4,16-18 – Zürcher 2007):
16 Darum verzagen wir nicht: Wenn auch unser äusserer Mensch verbraucht wird, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert. 17 Denn die Last unserer jetzigen Bedrängnis wiegt leicht und bringt uns eine weit über jedes Mass hinausgehende, unendliche Fülle an Herrlichkeit, 18 wenn wir nicht auf das Sichtbare schauen, sondern auf das Unsichtbare. Denn das Sichtbare gehört dem Augenblick, das Unsichtbare aber ist ewig.

Paulus schreibt für Menschen, deren Leben in irgendeiner Weise verbraucht ist, deren Leben in irgendeiner Weise zu Ende gegangen ist. Nicht nur Menschen in der zweiten Lebenshälfte ab Mitte vierzig erleben, wie ihre körperlichen Kräfte langsam und stetig weniger werden. Im Alterungsprozess erleben wir, wie der äußere Mensch verfällt, unsere Kräfte sich mehr und mehr verbrauchen. Andererseits wachsen die inneren Kräfte. Lebenserfahrung und die Gelassenheit des Älterwerdens sind so eine innere Kraft. Täglich bekommen wir immer wieder innerlich neue Kräfte, Tag für Tag. Wenn die Sonne scheint und der Himmel blau leuchtet, fällt das Leben leichter und wir Menschen verfügen über mehr Lebensenergie.

Paulus denkt in diesem Text nicht über das Älterwerden, über Leben und Tod nach. Er fragt sich, wie wir Christen in dieser vergänglichen, endlichen Welt aus der Kraft der Auferstehung Jesu leben können. Dabei macht Paulus seine Hörer und Leser in seinem Text auf drei Momente aufmerksam.

Erstens, Paulus hat Ziele. Paulus hat wirklich große Pläne und Ziele für sein Leben. In seinem Brief an die Philipper erfahren wir, was er sich für sein Leben wünscht. Paulus will Jesus erkennen, an der Kraft seiner Auferstehung teilhaben wie an seinen Leiden. Paulus jagt diesem Ziel nach, in der Hoffnung, dass er es ergreift, weil er ja auch von Jesus Christus ergriffen worden ist. Sein ganzes Leben, sein Tun und Lassen richtet er auf das Ziel aus, um den Siegespreis zu erringen, der uns durch die Berufung Gottes in Jesus Christus verheißen ist. (Phil 3,10-14) Paulus will, dass alle Menschen von Jesus Christus ergriffen werden und aus seiner Kraft leben. Das war seine Lebensaufgabe und der Sinn seines Lebens. Und an Paulus wurde deutlich, was Jesus ihm gesagt hatte:
Bis zum Schluss hatte Paulus eine Lebensaufgabe, seine Lebensaufgabe. Und bei aller körperlichen Schwäche hat ihn diese Aufgabe lebendig gehalten und gemacht. An Paulus ist deutlich geworden, was Jesus ihm einst gesagt hatte: „Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit.“ (2.Kor 12,9)

Gott, so lerne ich von Paulus, braucht nicht meine Stärke, sondern meine Bereitschaft. Ich bin ein Mensch, der von Gott befähigt ist. Ich muss mich nur rufen lassen.
Welche Ziele haben Sie? Fragen Sie, wo Jesus Sie heute gebrauchen kann? Es geht nicht um große Taten, sondern darum, heute konkret das Tunliche zu tun, das, was eben anliegt. Die Menschen warten auf deine und meine Gaben.

Zweitens, Paulus war ein dankbarer Mensch. Paulus, so erfährt man aus seinen Briefen und aus der Apostelgeschichte, hatte wirklich kein leichtes Leben. Bekannt ist seine Verwandlung vom Saulus zum Paulus, vom Christusverfolger zum Christusnachfolger. Nach seiner Bekehrung fragten sich viele Christen, ob man so jemandem überhaupt vertrauen kann. Jemandem, der an dem Tod von Menschen beteiligt war. Dann gab es die Anfeindungen und Auseinandersetzungen um seine Interpretation des Evangeliums, der Jesus-Christus-Geschichte. Rechtfertigt Gott den Menschen wirklich allein aus Gnade aufgrund des Glaubens oder zählen nicht doch die religiösen Leistungen, wie seine Gegner meinten? Mit vielen Enttäuschungen musste er fertig werden. Oft musste er die Erfahrung machen, dass seine Botschaft nicht auf fruchtbaren Boden fiel. Und schließlich war da auch seine körperliche Schwäche, möglicherweise eine Behinderung, die ihm schwer zusetzte. Aber gerade in diesen Schwierigkeiten erfährt er Gottes Kraft und Hilfe, sodass er an die Gemeinde in Rom schreiben kann: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten aus diesem Todesleib? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Also gilt: Mit der Vernunft diene ich dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.“ (Röm 7,24-25 – Zürcher 2007)

Und wieder auf mein und dein Leben angewendet: Welchen Platz nimmt der Dank bei mir ein? Welche Lebenshaltung habe ich, eine verbitterte oder eine dankbare, offene? Ich meine nicht eine oberflächliche Dankbarkeit, die sich in einem beiläufigen „Gott sei Dank!“ äußert, sondern Dankbarkeit als Lebenshaltung, eine Dankbarkeit des Herzens. Wer mit älter werdenden Menschen zu tun hat, weiß von beidem zu berichten: von Menschen, die im Alter bitter geworden sind, unzufrieden, weil das Leben so ist, wie es ist und es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist, und von Menschen, die trotz der negativen und leidvollen Erfahrungen in ihrem Leben Freude und Dankbarkeit ausstrahlen, aus ihnen herausleben, weil sie sich getragen wissen von Gottes Liebe und Fürsorge.
Wie kann Dankbarkeit sich ausdrücken? Durch eine tiefe Zufriedenheit. Wer mit offenen Augen und offenem Herzen durch das Leben und diese Zeiten geht, der erfährt viele Gründe zur Dankbarkeit: Freundschaften, Hilfsbereitschaft, Kontakte, Leben in einem Staat, der sich für seine Bürger einsetzt und vieles mehr.

Drittens, Paulus ist ein Mensch in Beziehungen. Im Laufe seines Lebens hat er sich ein sogenanntes soziales Netzwerk aufgebaut. Er hatte Freunde und Mitarbeiter. Zu ihnen zählten auch solche, die sich kritisch mit seinen Gedanken und Positionen auseinandergesetzt haben. Offenheit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit gehören zur Freundschaft. Paulus hielt die Kontakte zu den Menschen in den Gemeinden, die er auf seinen Missionsreisen besucht hatte. Er schrieb zahlreiche Briefe, um diese Kontakte zu pflegen. Paulus war nicht allein in seinem Engagement. Und Paulus wusste, dass Jesus aus gutem Grund seine Jünger immer zu zweit beauftragt hatte, das Evangelium zu verkünden. Christen sollen keine „Einzelkämpfer“ sein; und das Evangelium ist auch keine „One-Man-Show“.

Wie halte ich es mit meinen Kontakten? Pflege ich sie? Der Mensch ist ein Beziehungswesen, das wird uns in dieser Zeit ganz besonders bewusst. In unseren Seniorenheimen leben viele Menschen, die vereinsamen, weil sie keine sozialen Kontakte mehr haben. Nur die Pflegerinnen oder der Sozialarbeiter – das ist zu wenig für ein erfülltes, menschliches Leben. Kontakte, Begegnungen und Gemeinschaft machen unser Leben aus. Auch das kann dort immer wieder sehen und lernen.

Nun geht es Paulus nicht nur darum, sich lebendig und jung zu fühlen, sondern darum, dass etwas neu wird in seinem Leben. Auch wenn die menschlichen Kräfte aufgebraucht werden, bekommt man innerlich Tag für Tag neue Kraft. Allerdings ist für Paulus auch klar, dass „innerlich“ sich auf die Verbundenheit mit Jesus Christus bezieht. Ohne diese Grundbeziehung ist die Wahrheit des Evangeliums nicht verständlich. Die Erneuerung des Menschen findet in seinem Herzen statt. Das spricht gegen jeden Aktionismus.
Manchmal denke ich, wir wollen etwas Sichtbares haben, um zu beweisen, dass wir etwas tun. Aktionen sind sichtbar, aber die Erneuerung des inneren Menschen nicht. Die braucht Zeit und geschieht häufig im Verborgenen. Aber sie strahlt aus, kräftig, stetig und verändert so das menschliche Leben nachhaltig. Daran erinnert uns Paulus. Und das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, wenn wir die Macht des Glaubens in unserem Leben erfahren wollen.

Der heutige Sonntag heißt Jubilate: „Die Gegenwart im Licht der Zukunft Gottes betrachten“, so kann man die Worte des Apostel Paulus überschreiben. Menschliche Liebe zerbricht, Lebensentwürfe scheitern, selbstverschuldet oder durch sogenannte Schicksalsschläge. Ich kann auf die Gegenwart starren und den Verfall des äußeren Menschen betrachten. Aber ich kann auch in und durch die Kraft der Auferstehung Jesu das gegenwärtige Leben anders ansehen und verstehen. Ich kann sehen und erfahren, dass mein Glaube mir Mut und Kraft gibt, Gottes Zukunft entgegenzugehen. Ich kann neu anfangen, aufstehen, weil ich mit aufrechtem Gang in die „weit über jedes Mass hinausgehende, unendliche Fülle an Herrlichkeit“ Gottes hineingehe. Mit seiner Kraft kann und will ich meine Lebensaufgaben annehmen. Amen.
(nach einer Idee von Günter Dreisbach)


Fürbittengebet

Barmherziger Gott, lieber Vater im Himmel, wir danken dir, dass du Jesus Christus in unser Leben gebracht hast. Durch die Auferstehung deines Sohnes von den Toten bekommt unser Leben neuen Sinn.

Wir bitten dich für Menschen, denen es schwerfällt, sich auf das Neue einzulassen, das durch die Auferstehung in die Welt gekommen ist: dass sie lernen, dass ein Leben mit Christus an ihrer Seite ein Leben mit Ziel ist. Wir bitten dich, erhöre uns.

Wir bitten dich für Menschen, die auch unter Verfolgung zu dir stehen, weil sie wissen, dass du ihnen Schutz und Halt bist. Wir bitten dich, erhöre uns.

Wir bitten dich für alle, die aus anderen Ländern in unser Land kommen und bei uns Heimat suchen, weil sie als Christen leben wollen: dass sie Heimat finden und wir sie nicht allein als Gäste und Fremdlinge betrachten, sondern als unsere Schwestern und Brüder. Wir bitten dich, erhöre uns.

Wir bitten dich für alle, die politisch Verantwortung haben in unserem Land, dass sie sorgsam mit ihrem Amt umgehen und auf dein Wort hören. Wir bitten dich, erhöre uns.

Wir bitten dich für uns selbst, dass wir dankbar erfahren, wozu wir bestimmt sind: nicht zur Traurigkeit, sondern zur Freude; nicht zum Tod, sondern zum Leben. Wir bitten dich, erhöre uns.

Durch dich sind wir, was wir sind. Dir sei Ehre in Ewigkeit.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. (4. Mose 6,24-26)
Amen

Predigt zum Sonntag Misericordias Domini, 26. April 2020
(Pfarrer Jürgen Gossler)

Liebe Gemeinde,

„Misericordias Domini“ – „Barmherzigkeit des Herrn“. So heißt der heutige Sonntag des Kirchenjahres. Und von der Barmherzigkeit des Herrn handelt auch der 23. Psalm, der diesem Sonntag zugeordnet ist.

Der Herr ist mein
...
Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück.
Denn du bist bei mir; dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. (Psalm 23)

Von allen 150 Psalmen der Bibel ist der 23. Psalm sicherlich der bekannteste und wahrscheinlich auch der beliebteste. Viele von uns haben ihn in ihrer Konfirmandenzeit einmal gelernt und können ihn bis heute auswendig. Die Bilder dieses Psalms sind ein Gleichnis für die Beziehung Gottes zu uns Menschen. Ich möchte Sie einladen, die Bilder, die uns der Psalm vor Augen stellt, einmal in Ruhe zu betrachten.

BILD 1
„Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.“

Das erste Bild zeigt uns, wer Gott für uns ist. Er ist der Hirte, und wir sind die Schafe, seine Herde. Gott, der Herr, ist der gute Hirte, der seiner Herde treu bleibt. Er versorgt die Schafe mit allem, was sie zum Leben brauchen, damit sie keinen Mangel zu leiden brauchen. Und er kümmert sich auch um die kranken Schafe, um die müden und die schwachen. Denn er will nicht, dass eines von ihnen auf der Strecke bleibt.

Dieser Herr ist mein Hirte. Ich gehöre zu der Herde, die er beschützt. Aber vielleicht will ich das ja gar nicht. Vielleicht will ich lieber ausbrechen aus der großen Herde und eigene Wege gehen. Der Hirte hindert mich nicht daran. Er sperrt mich nicht ein. Ich bin frei zu gehen, wohin ich will. Und dennoch sorgt er sich um mich und lässt mich nicht aus den Augen. Und wenn ich mich verlaufen habe oder in eine Sackgasse geraten bin, zeigt er mir den Weg zur Umkehr.

Der gute Hirte will keine Herde von Schafen, die alle im gleichen Tonfall blöken. Er achtet die Stimme jedes einzelnen. Aber die Schafe tun gut daran, auch auf die Stimme des Hirten zu achten. Das Hören auf sein Wort verbindet die vielen, unterschiedlichen Schafe zu einer großen Gemeinschaft. Und ich darf dazugehören. Wenn ich der Stimme des Hirten vertraue, werde auch ich meinen Platz in der großen Herde finden.

BILD 2
„Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

Das brauchen Schafe, um leben zu können: grüne Auen, auf denen Pflanzen wachsen, die ihren Hunger stillen, und frisches Wasser, das ihren Durst stillt. Der gute Hirte sorgt dafür, dass sie das alles in ausreichendem Maß erhalten. Seine Fürsorge ist die Grundlage für das Leben der ganzen Herde. Doch diese Lebensgrundlage ist in Gefahr geraten. Weil zu viele aus der Herde unersättlich waren, wurden aus grünen Auen ausgelaugte Böden; und das Wasser von Flüssen und Brunnen ist vielerorts nicht mehr frisch, sondern verschmutzt und ungenießbar. Doch Gott, der gute Hirte, will uns auch heute zum frischen Wasser führen. Wenn wir uns leiten lassen durch sein Wort und schonend mit seiner Schöpfung umgehen, dann können die Auen wieder grün und das Wasser wieder klar und frisch werden. Damit alle satt werden und leben können.

BILD 3
„Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“

Grüne Auen und frisches Wasser sind lebenswichtig. Aber als Menschen leben wir nicht nur vom Essen und vom Trinken. Auch unsere Seele hungert und dürstet. Nach guten Worten, nach Zuspruch in innerer Not, nach Gemeinschaft und Vergebung.

Gott will meine Sehnsucht stillen. Er will meine ausgebrannte Seele erquicken. Mit seinem Wort und seinem Sakrament. Wenn Gottes Wort in mich eindringt, wenn ich beim Abendmahl sein Brot esse und seinen Wein trinke, dann werde ich innerlich aufgerichtet. Die Welt um mich herum wird sich dadurch nicht sichtbar verändern. Aber wenn das heilende Wort mein Herz berührt, ist die Trauer nicht mehr so dunkel, die Angst nicht mehr so lähmend, die Einsamkeit nicht mehr so erdrückend.

Ich spüre, dass es weiter geht. Nicht, weil ich so genau weiß, wo es lang geht. Sondern, weil einer da ist, der mich führt und mir den richtigen Weg für mein Leben zeigt. Wenn ich seine Gebote beachte und seinen Weisungen folge, dann bin ich auf rechter Straße. Dafür bürgt der gute Hirte mit seinem Namen.

BILD 4
„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir; dein Stecken und Stab trösten mich.“

Und dennoch, obwohl Gott uns behütet wie ein guter Hirte und uns den rechten Weg für unser Leben zeigt, bleiben uns dunkle Stunden nicht immer erspart. Unser Weg führt nicht nur über sonnige Höhen, sondern auch durch finstere Täler. Wenn ich fürchte, eine Aufgabe, die mit gestellt wurde, nicht bewältigen zu können; wenn ich Angst habe vor einer Krankheit oder um einen Menschen trauere, den ich verloren habe – dann gleicht das, was vor mir liegt, einem finsteren Tal.

Wie gut ist es, wenn ich den Weg durch dieses Tal nicht allein gehen muss. Wie gut ist es, wenn andere mich begleiten. Und wie tröstlich ist es zu wissen, dass der gute Hirte mich auch auf diesem Weg nicht verlässt. Wie tröstlich ist es, wenn ich zu ihm sagen kann: „Du bist bei mir.“ Auch der gute Hirte kann mir den Weg durch das finstere Tal nicht immer ersparen. Aber er hilft mir, das Tal zu durchwandern. Und wenn ich ihn in meiner Nähe weiß, sehe ich schon das Licht, das am Ende des finsteren Tales leuchtet.

BILD 5
„Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“

Nach einer streckenweise anstrengenden Wanderung über Höhen und durch Tiefen kann ich zur Ruhe kommen und mich an einen Tisch setzen. Wie in einem Gasthaus. Und Gott, mein Hirt, wird nun zum Wirt, der den Tisch schon für mich gedeckt hat und mir voll einschenkt – damit es mir an nichts mangelt. Und allen feindlichen Mächten, die mich von ihm trennen wollen, wird vor Augen geführt, was der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer sagt: dass nämlich „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes.“ (Röm 8,38.39a)

BILD 6
„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

Weil Gott es gut mit mir meint, gibt er mir alles, was ich zum Leben brauche. Weil Gott es gut mit mir meint, bleibt er auch dann bei mir, wenn mein Weg durch ein finsteres Tal führt. Und weil Gott barmherzig ist, brauche ich keine Angst zu haben, dass er mich vor die Tür setzt, wenn ich Fehler gemacht habe und schuldig geworden bin. Im Gegenteil, in einem Lied aus unserem Gesangbuch heißt es: „Sein Haus hat offne Türen. Er ruft uns in Geduld, will alle zu sich führen, auch die mit Not und Schuld.“ (EG 225,1) Und weil Gottes Treue unerschütterlich ist, gilt sein Angebot nicht nur einmal, sondern mein Leben lang.

Doch irgendwann wird mein Leben ein Ende haben. Irgendwann muss ich die Erde mit ihren grünen Auen, ihrem frischen Wasser, ihren sonnigen Höhen und ihren finsteren Tälern verlassen. Denn irgendwann führt mein Weg durch das Tal des Todes. Doch es ist tröstlich zu wissen: Auch dann bleibt Gott bei mir. Auch durch dieses finstere Tal wird er mich hindurchführen und mich aufnehmen in seinem Haus. Und wenn ich den Worten Jesu glaube, dann wird auch in diesem Haus schon alles für mich vorbereitet sein. Denn Jesus sagt: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn´s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.“ (Joh 14,1-3)

In diesem Haus, in das uns der auferstandene Jesus vorausgegangen ist, kommt unser Weg zum Ziel. Denn in diesem Haus werden wir bleiben. Nicht nur für kurze Zeit, sondern immerdar. Immer und ewig. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass es uns dort an nichts mangeln wird. Amen.

Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti, 19. April 2020
(Pfarrer Johannes Zechmeister, Burghaun)

Liebe Leserinnen und Leser,

der Predigttext für den Sonntag „Quasimodogeniti“ (wie die neugeborenen Kindlein) sind Verse aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 40, die Verse 26-31:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies
...
geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Was für ein starkes Bild - ein großer Greifvogel, der erhaben durch die Lüfte zieht. In unserer Gegend gibt es zwar keine Adler. Doch wenn ich mit meinem Hund über die Felder um Burghaun Gassi gehe, kann ich regelmäßig einen Rotmilan sehen, den größten Raubvogel in unseren Breiten. Mich fasziniert sein erhabener Flug. Mit Leichtigkeit schwebt er durch die Lüfte, überwindet die Schwerkraft, indem er sich in Kreisen hoch in den Himmel erhebt. Und er ist schnell. Wenn er davonfliegt, muss man ihn mit den Augen ganz genau verfolgen - von den Hühnerbergen schwebt er in Richtung Burghaun davon. „Ja, so leicht, so stark, so schnell möchte ich auch gerne sein“, denke ich dann manchmal. Es erstaunt mich daher nicht, dass gerade ein Raubvogel mit seinem erhabenen Flug zum Bild für den Propheten wird. Erfüllt mit Kraft und Leben wie ein Adler so sind diejenigen, die auf den Herrn vertrauen. Ach, wie schön! Mir gefällt das, was der Prophet dort schreibt. Doch zugleich kommen in mir Fragen auf: Wann habe ich mich so gefühlt, wie er es sagt - kräftig und voller Leben? Bin ich nicht eher matt, manchmal kraftlos? Doch gerade in meiner Schwäche bin ich mit denjenigen verbunden, an die sich der zweite Jesaja wendet:
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?

Die Israeliten, denen die Worte zuerst galten, waren Menschen, die gerade nicht stark waren. Sie waren erfüllt von Zweifeln. Ihre Zukunft lag im Ungewissen. Sie wussten nicht, wie es weiter gehen sollte mit ihnen und auch mit Gott: „Der weiß doch gar nicht, wie es uns geht!“ „Der hat uns doch vergessen!“ „Dem sind wir doch egal!“ Laute, starke und schwere Fragen, mit denen sich der Prophet konfrontiert sah. Fragen, die sehr verständlich sind angesichts dessen, was sie erlebt hatten und erlebten. Ihre Vorfahren waren aus Jerusalem nach Babylon deportiert worden; sie hatten die Heimat nach einem fürchterlichen Krieg verloren. Die Älteren von uns kennen Ähnliches. Den Israeliten war das Land genommen, welches den Urvätern von Gott versprochen war. Das Königshaus, von Gott eingesetzt, war ausgelöscht und der Tempel, von Salomo errichtet und von König Josia erneuert, war in Schutt und Asche gelegt. Alle Gewissheiten des Lebens waren ihnen genommen, alle Hinweise auf Gottes Wirken waren verloren: Was sollte man von diesem Gott noch erwarten?

Den Verlust von Gewissheiten erfahren auch wir in diesen Tagen. Uns wird bewusst, dass unsere Art zu leben anfällig, zerbrechlich ist. Sich frei bewegen, zur Arbeit gehen, Gemeinschaft genießen, ohne Sorge einkaufen, vieles, was eben noch selbst-verständlich war, ist es nun nicht mehr. Ganz schnell ging die Veränderung. Und dies aufgrund eines unsichtbaren Virus! Und viele von uns spüren in einer nie zuvor gekannten Art und Weise auch die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit des eigenen Lebens oder des Liebsten. Diese Erfahrung kommt sonst nur selten vor, trifft einzelne oder Familien. Doch nun verspürt dies eine ganze Gesellschaft. Die Erfahrung von Leid und von Tod, vormals oft verdrängt und selten im Blickfeld, ist nun deutlich präsent und erfüllt viele mit Ungewissheit und Unsicherheit. Die Sehnsucht nach Halt und Stärke in einer Zeit voller Bewegung und Fragen, stillte der Prophet, indem er auf das Augenfällige verweist, nämlich die Manifestation von Gottes Macht in seiner Schöpfung:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

„Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, er wird auch euch helfen!“ schreibt er seinen Israeliten. „Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, er steht auch dir bei!“ Das gilt auch noch für dich, hier und heute. Auch wir können beim Blick in die Natur Kraft schöpfen.

Wie bereits gesagt, gehe ich gerne mit meinem Hund Gassi. Im Frühling ist das besonders schön. Jetzt, wo das Leben wieder erwacht. Wer freut sich nicht an dem Leuchten der Rapsfelder? Die Bäume treiben ihre Blätter aus, die ersten Sträucher fangen an zu blühen. Ach, wie schön es derzeit in der Natur ist! Der Kreislauf der Jahreszeiten, von Ruhen, Schlafen und Erwachen, verweist uns auf die Beständigkeit des Lebens. Mit diesem Wissen lässt sich die derzeit aufgezwungene Pause auch leichter ertragen. Auf den Schlaf folgt das Erwachen, auf die Ruhe die Bewegung. Und hinter allem steht Gottes schöpferisches Handeln. Auf ihn können wir uns verlassen: dass die Zeit der Pandemie vorübergeht und das Leben danach wieder erblüht; dass auch andere Zwangspausen - durch Leiden, Krankheit, Trauer oder Schicksal - ihr Ende finden und wir wieder neue Kraft gewinnen.

Dem Neubeginn, dem wir - zumindest gesellschaftlich - nun schrittweise entgegengehen, wohnt auch ein Zauber inne, um Hermann Hesse aufzugreifen. Das sagt auch der Name des heutigen Sonntags: Quasimodogeniti - wie die neugeborenen Kindlein. Wie ein neugeborenes Kind noch alle Möglichkeiten des Lebens hat, noch alle Wege gehen kann, so können auch wir neue Wege einschlagen, befreit von alten Lasten, die uns gefangen nahmen.

Auch hier hilft ein Blick in die Natur. Wenn auch vieles sich die Jahre über gleicht, so hat doch jedes Frühjahr seine Besonderheiten. Immer wieder kann man mit offenen Augen in der Natur und den Gärten Neues entdecken, etwas, das anders ist als in den vergangenen Jahren.

Etwas Neues zu beginnen, etwas anders zu machen als zuvor, diese Chance liegt in jedem Neubeginn nach jeder Krise. Das gilt für Persönliches. Wer sich mit schwerer Krankheit auseinandersetzen musste, der weiß darum. Manches muss man danach verändern, sonst droht Gefahr für die Gesundheit. Doch vieles kann man auch verändern, weil man nun einen anderen Blick auf die Dinge hat. Das gilt derzeit auch für unsere Gesellschaft. Wollen wir alles genauso weitermachen wie zuvor? Gibt es nicht Dinge, die wir miteinander nun verändern möchten? Ich bin mir sicher, die Zeit von Corona hat den Blick vieler auf so manches verändert und dies wird sich in den kommenden Monaten auch zeigen.

Doch noch brauchen wir Kraft. Der Neuanfang steht bevor, aber die Zeit des Leides ist noch nicht vorüber. So war es auch damals. Und auch darum weiß der Prophet:
Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen.
Müde und kraftlos - so fühlten sich viele Israeliten damals. Über 50 Jahren waren vergangen seit der Deportation. Die meisten von ihnen kannten die alte Heimat gar nicht mehr. Sie waren ausgelaugt, selbst die Stärksten unter ihnen hatten ihre Kraft verloren. Menschliche Kraft ist endlich. Mancher von uns hat mehr, mancher weniger davon. Aber uns allen ist gemein, dass die eigene Kraft irgendwann endet. So war es damals, so ist es heute.

Der zweite Jesaja weiß das und verweist auf Gott: Du brauchst dich nicht zu mühen. Wenn du dich fragst, wie es weitergehen soll, wende dich an Gott. Seine Kraft endet niemals. Und er wird dich stärken und dir helfen. Wovon er spricht, ist etwas, das viele von uns kennen: Gott gibt dir Kraft, wo du dich fragst, woher du sie nehmen sollst.
Angesichts von Krankheit oder Pflege habe ich Menschen oft sagen hören: „Ich wusste damals nicht, woher ich die Kraft nehmen sollte. Aber Gott hat sie mir gegeben. Eine Kraft, die ich selbst nicht mehr hatte, die aber doch da war, als ich sie brauchte.“

Auf diese Kraft, die niemals versiegt, dürfen wir vertrauen. Darum wirbt der Prophet. Darum hat er schon damals geworben: „Vertraut euch Gott an! Er sieht euch und er weiß, wie es euch geht. Er gibt euch die Kraft, die ihr nun benötigt!“ Wenige Jahre, nachdem er diese Worte verfasst hatte, trat übrigens ein, was er angekündigt hatte: Die Israeliten konnten in ihre Heimat zurückkehren und ein neuer Tempel wurde errichtet. Auch dafür brauchten sie wieder Kraft, wie noch in zahlreichen weiteren Schicksalsschlägen, die Gottes Volk ereilen sollten. Doch sie wussten darum, dass Gott ihnen die Kraft geben würde, auch diese zu meistern. Durch Jesus Christus sind auch wir in dieses Volk aufgenommen. Und die Worte, die der zweite Jesaja damals vor ca. 2500 Jahren schrieb, gelten auch uns, in dieser Zeit wie an allen Tagen unseres Lebens:

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Amen.

Lieder zum Singen oder Lesen:
EG 511. EG 611. EG 613

Psalmen zum Beten:
EG 744 - Psalm 111; EG 746 - Psalm 116

Das Evangelium für den Sonntag:
Johannesevangelium 20, 19-29

Der Wochenspruch:
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. 1. Petrusbrief 1,3

Gottesdienst für Zuhause - Ostersonntag, 12. April 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Gemeinde,

Ostern feiern wir Christen die Auferweckung Jesu von den Toten. Gott erweist sich in Jesus Christus als Sieger über den Tod.

Im Glauben haben wir – ich sage das jetzt in der Sprache der Mystik – teil an dieser Kraft Gottes.
...
Sie gilt uns immer und überall. Jetzt, in dieser Krisenzeit, erleben wir, wie sehr wir auf eine Macht angewiesen sind, die dem Dunkel und Drohen des Todes standhält, und uns Kraft, Mut und Hoffnung schenkt. In Jesus Christus hat Gott genau das getan.

Ich wünsche Ihnen allen gesegnete Ostern und die Erfahrung der Gegenwart Gottes in Ihrem Leben.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

Der „Osterpsalm“
14 Der Herr ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
15 Man singt mit Freuden vom Sieg / in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des Herrn behält den Sieg!
16 Die Rechte des Herrn ist erhöht;
die Rechte des Herrn behält den Sieg!
17 Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des Herrn Werke verkündigen.
18 Der Herr züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
19 Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem Herrn danke.
20 Das ist das Tor des Herrn;
die Gerechten werden dort einziehen.
21 Ich danke dir, dass du mich erhört hast
und hast mir geholfen.
22 Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
23 Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
24 Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
(Psalm 118,14-24 – Luther 2017)

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Gebet
Allmächtiger, lebensschaffender Gott,
der du deinen Sohn aus den Toten in dein Leben gerufen hast.
Du hast deinen Sohn in die Welt gesandt, um uns zu erlösen
und uns Glaube, Hoffnung und Liebe zu geben.
Durch Jesu Leben, Tod und Auferstehung wissen wir,
dass trotz allen Leids uns nichts trennen kann von deiner ewigen Liebe.
Du verwandelst unsere Welt, auch in Zeiten der Corona-Krise.
Gehe du uns voran und lass uns dein Osterlicht leuchten.
Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Amen.

Lesung

Der Apostel Paulus bekennt im Philipperbrief:

4b Wenn irgendein anderer sich berechtigt fühlen könnte, auf das Fleisch zu vertrauen, dann ich erst recht:
5 Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin ein Angehöriger des Volkes Israel, aus dem Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern - was das Gesetz angeht: ein Pharisäer,
6 was den Eifer angeht: ein Verfolger der Gemeinde, was die Gerechtigkeit angeht, die im Gesetz gilt: einer ohne Fehl und Tadel.
7 Aber alles, was mir Gewinn war, habe ich dann um Christi willen als Verlust betrachtet.
8 Ja, in der Tat, ich halte das alles für wertlos im Vergleich mit der überragenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen mir alles wertlos wurde, und ich betrachte es als Dreck, wenn ich nur Christus gewinne
9 und in ihm meine Heimat finde. Ich habe nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern jene Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus, die aus Gott kommt aufgrund des Glaubens.
10 Ihn will ich kennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Teilhabe an seinen Leiden, wenn ich gleichgestaltet werde seinem Tod,
11 in der Hoffnung, zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.
(Philipper 3,4b-11 – Übersetzung: Zürcher 2007)


Lied EG 99 „Christ ist erstanden“

Christ ist erstanden
von der Marter alle;
des solln wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein.
Kyrieleis.

Wär er nicht erstanden,
so wär die Welt vergangen; seit dass er erstanden ist,
so lobn wir den Vater Jesu Christ’. Kyrieleis.

Halleluja, Halleluja, Halleluja!
Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.
Kyrieleis.


Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde!

Theologinnen und Theologen, Pfarrerinnen und Pfarrer neigen dazu, starke Sätze zu sagen. Gott ist der Sinn des Lebens. Das ist so ein starker Satz. Ebenso: Gott ist der Grund des Lebens. Es sagt sich so leicht. Gott ist Sinn und Ziel des Lebens. Auch immer wieder wiederholt.

Das sind alles Sätze, die viele Christen vor der Corona-Krise bejaht hätten. Der Mehrheit der Menschen in unserem Land ging es gut. Die Wirtschaft wuchs seit der Finanzkrise 2008 stetig. Die Klimakrise ließ sich verdrängen angesichts unserer Mobilität und unseres permanenten Abgelenktseins. Gegen Krisengefühle hilft Bewegung. Man hat das Gefühl, etwas zu tun, und braucht sich doch nicht von der Stelle zu bewegen. Es sieh nach Aktivität aus, ist aber bloßer Aktivismus. In Wahrheit kommt man nicht von der Stelle – man bewegt sich nur.

Und nun die Corona-Krise, die uns alle zum Stillstand zwingt. Berechtigte Ängste werden wach: Wie geht es mit meiner materiellen Existenz weiter? Werde ich die Krise gesund überstehen? Werden meine geliebten Menschen, meine Eltern, Kinder, Partner, Freunde diese Zeit wohlbehalten und gesund durchstehen? Reichen unsere materiellen Ressourcen, unsere Krankhäuser, das Personal? Viele Fragen, auf die auch ich keine Antwort habe.

Mit Gott tun wir uns schwer, besonders in Krisen, und der Tod ist die größte Krise unseres Lebens. Ostern geht es um die existenzielle Krise unseres menschlichen Lebens schlechthin, um den Tod, die Hoffnungslosigkeit – und, so gegensätzlich wie es nur sein kann, um unser Leben im Glauben an die hoffende Liebe.

„Du, Gott, bist das ein Geheimnis, das Geheimnis der Welt, das Geheimnis des Lebens, das Geheimnis unseres Lebens.“ Das ist ein Glaubensbekenntnis. Eine Aussage, wie Gott ist – Gott: ein Geheimnis, das sich nicht ergründen, aber beschreiben lässt.

Was wäre die Welt ohne Gott? Was wäre unser Leben ohne Gott? Was wäre mein Leben ohne das Geheimnis der Welt und meines Lebens? Für mich wäre das Leben sinnlos und ohne Orientierung. Mein Leben wäre ein kurzes Aufflackern von Träumen, irgendwo im Nichts des unendlichen Alls. Ich lebte und würde sterben, und das wäre das Ende.

Nicht nur wir in der Corona-Krise stehen vor der Sinnfrage, vor der Frage nach dem Leiden und dem Tod. Immer wieder haben sich Christen diese Fragen gestellt, so auch die Korinther. Paulus, der Apostel, versucht auf ihre Fragen eine Antwort zu geben, eine Antwort, die aus der Auferweckung Jesu von den Toten erwachsen ist. Der Glaube an den auferstandenen Gekreuzigten ist das grundlegende Bekenntnis unseres christlichen Glaubens.

Paulus schreibt:
1 Ich tue euch, liebe Brüder und Schwestern, das Evangelium kund, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch gerettet werdet, wenn ihr es genau so festhaltet, wie ich es euch verkündigt habe - wenn nicht, wärt ihr umsonst zum Glauben gekommen.
3 Denn ich habe euch vor allen Dingen weitergegeben, was auch ich empfangen habe: dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäss den Schriften, 4 dass er begraben wurde, dass er am dritten Tage auferweckt worden ist gemäss den Schriften 5 und dass er Kefas erschien und dann den Zwölfen.
6 Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch leben, einige aber entschlafen sind. 7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. 8 Zuallerletzt aber ist er auch mir erschienen, mir, der Missgeburt.
9 Ich bin nämlich der geringste unter den Aposteln, der es nicht wert ist, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. 10 Durch Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben; nein, mehr als sie alle habe ich gearbeitet, doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.
11 Ob nun ich oder jene: So verkündigen wir, und so seid ihr zum Glauben gekommen.
(1.Korinther 15,1-11 – Übersetzung: Zürcher 2007)

Was Paulus schreibt, klingt so einfach: gestorben, begraben, auferweckt, gesehen. Verstanden die Korinther das? Verstehen wir das? Verstanden sie die Bedeutung dieser Worte für ihr Leben? Dieses unfassbare Glück? Diese schier unglaubliche Seligkeit? Verstehen wir das heute?

Christus: gestorben und begraben. Wir wissen nicht, wie Jesus aussah, wie seine Hände waren, wie seine Augen leuchteten. Jedenfalls war er ein Mensch wie wir. Er hat vor ca. 2000 Jahren gelebt, Er ist gestorben und wurde begraben. So wie die meisten Menschen. Sein Leben war aus und vorbei mit seinem Tod. Bei seinem Tod am Kreuz ein letzter Aufschrei, ein letzter Schmerz und sein Augenlicht erlöscht. Was bleibt, ist ein kaltes Grab.

Der einsame Tod: Das ist die ganze Welt ohne Gott. Jesus starb, Menschen starben und sterben noch bis heute. Und das wird uns wieder neu bewusst in diesen gefährdeten Zeiten: wie zerbrechlich unser Leben ist, wie der Tod an der Lungenmaschine aussehen könnte.

Ich lebe. Wie lebe ich? Morgen werde auch ich sterben, denn auch ich bin ein verletzlicher und endlicher Mensch. Die Sinnlosigkeit scheint den Sieg davon zu tragen. Alle Liebe bleibt vergeblich, denn auch sie vergeht. Ich – einsam und verloren in den unendlichen Weiten des Weltenraumes.

Christus ist gestorben. In diesem Tod ist alle Hoffnungslosigkeit, alle Sinnlosigkeit versammelt. Gott ist unendlich fern. Im Augenblick seines Todes am Kreuz mit seinem Schrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ konzentriert sich aller Atheismus, alle Gottesferne. Der Sohn Gottes, von Gott selbst verlassen. Die Welt ist ohne Gott, auch für den Sohn Gottes. Gott gestorben und begraben. Die Religion der Hoffnung und der Zuversicht auf das Reich Gottes, auf Heil und Wohl für alle Menschen ist am Ende. Petrus, Jakobus, Johannes sind zerrissen: Der Tod Jesu schleudert sie auf ihr eigenes Ich zurück, in unendlicher, zerrissener, sinnloser Einsamkeit. Christus gestorben für unsere Sünden.

Jesus Christus war es, der vom Himmelreich, vom Reich Gottes erzählte und es vorlebte, indem er mit den Außenseitern der Gesellschaft feierte, dort Gemeinschaft stiftete, wo Menschen ausgegrenzt wurden durch Krankheit oder durch gesellschaftliche Makel. Er war es, der Menschen die Vergebung ihrer Sünden zusprach, der Mut machte, Buße zu tun und ein Leben in der Liebe Gottes zu leben. Er war es, der sagte, dass mit ihm das Kommen Gottes – das Heil – in dieser Welt angebrochen ist. Er redete von der Zukunft Gottes, von der Zukunft seiner Liebe, dass uns alle erfüllt. Er hatte das doch selbst verkörpert und gelebt – Gott, fassbar, konkret geschichtlich geworden, Mensch geworden in Jesus. Die Welt war anders geworden mit seinem Kommen. Das Leben hatte begonnen, heil zu werden. Gutes Neues entstand. Alles, was je von Gott gesagt worden war, hatte er in seiner Botschaft versammelt. Es war göttlich.

Aber dieses göttliche Leben hatte noch nicht alle Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens durchlebt. Es schwebte noch. Das Entscheidende stand noch bevor, die menschliche Grenze schlechthin: das Übergewicht des Todes in Ewigkeit, die alte, entsetzliche Gottesferne war noch nicht überwunden.

Tot, gestorben, begraben ...
Und dann – plötzlich und unvermittelt – haben sie ihn gesehen! Ist das nicht unglaublich? Verstanden die Korinther diese Seligkeit, dieses Glück? Verstehen wir es?

Es war von Anfang an unglaublich. Die es hörten, haben es nicht glauben wollen, nicht glauben können; sie haben ungläubig nachgefragt. Das kann doch nicht sein! Sie konnten es nicht verstehen. Wie kann man eine Erfahrung, die tiefer geht und die menschliche Vernunft im wahrsten Sinne des Wortes sprengt Welt, weitet, verstehen? Wie kann man eine Erfahrung verstehen, die unsere Rationalität, unsere Vernunft übersteigt? Wie kann unsere Vernunft die Macht der Liebe Gottes fassen?

Andere haben es sich leichter gemacht, die Grenze unserer Vernunft nicht wahrhaben wollen, nicht akzeptieren wollen, wie beschränkt wir Menschen in unserem Wissen und Können sind. Sie haben gespottet und tun das auch heute noch: Aberglauben. Märchen. Phantasiegebilde. Halluzinationen.

„Denn die Vernunft ist da und ... sieht schlicht in das Werk, wie es vor Augen ist, daß die Welt so lang gestanden, und stirbt immer einer nach dem andern, und bleibt alles tot und verwest und gar zerpulvert im Grab, und ist noch nie keiner wiederkommen. ... Wenn (sc. die Vernunft) nun in diesen Artikel (sc. der Auferstehung) gerät und will ihn nachdenken, so ist es gewißlich gar verloren. Denn es kommen ihr soviel wunderliche, seltsame, ungereimte Gedanken vor, daß sie muß sagen, es sei nichts dran.“ So beschreibt Martin Luther die Situation der Vernunft angesichts der Auferstehung.

Wir alle kennen dieses selbstsichere Lächeln – ja gut, vielleicht ist Gott der Grund der Welt, vielleicht ist da ein Geheimnis, eine allgemeine Macht – aber ein Mensch auferweckt aus dem Tod? Gottes Sohn? Ein Mensch erscheint in Gottes Ewigkeit? Gottes Ewigkeit sichtbar in unserer Welt? Gott, der dem Tod die Macht genommen hat und lebendiger ist, als wir uns das vorstellen können? Ein menschliches Leben, das den Tod hinter sich gelassen hat, weil es durch ihn hindurchgegangen ist, um damit unbegreiflich und unfassbar lebendig ist? Leben, das über das Nichts gesiegt und es verwandelt hat?

Jesus hatte vom Himmelreich erzählt, von Vergebung und Versöhnung, von Umkehr hin zum wahren Leben, von der Zukunft Gottes. Er hatte das selbst verkörpert, in der Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen, in der Heilung der Kranken. Aus der dem Tode verfallenen Welt erwuchs wirkliche Liebe, die lebendig macht und Hoffnung schenkt. Wenn er redete, war Gott da. In seiner Person war Gott greifbar, verkörpert. Und dann war er tot.

Seine Nachfolger und Nachfolgerinnen, waren verzweifelt. Sie waren zerrissen. War alles sinnlos gewesen? War alles nur ein schöner Traum? Einer hatte ihn verraten. Viele waren geflohen und in ihr altes Leben zurückgekehrt. Das Leben in der hoffenden Liebe des Glaubens schien für immer vorbei zu sein.
Jesus war tot. Gestorben, begraben.

Und dann haben sie ihn gesehen – ist das nicht unglaublich? Er war tot, drei Tage – und dann geschah etwas Unfassbares. Was geschah denn? Uns fehlen für diese Erfahrung die Worte und Begriffe. Nur ein Bekenntnis haben wir: „Jesus Christus ist wahrhaftig auferstanden.“

Aber die Jüngerinnen und Jünger haben ja keinen Menschen in der Zeit gesehen. Sie haben auch nicht eine Leiche gesehen, die wiederbelebt wurde. Sie haben den Menschen in der Ewigkeit Gottes gesehen. Sie haben Gott gesehen! Unwiderstehlich. Unausdenkbar. In einer Wirklichkeit, die höher und tiefer ist, als das, was unsere Vernunft erkennen und verstehen kann. Es hat sie mit einer unendlichen Seligkeit erfüllt. Mit Mut, Kraft, Hoffnung, Liebe und Glauben.

Mit der Erfahrung der Auferstehung begriffen sie, dass sie frei waren von den Mächten des Todes. Endlich frei. Sie begriffen, dass Gott ein lebendiger Gott ist, der Neues schafft, der die Grenzen unserer Welt weitet, sprengt, ohne dabei uns Menschen zu zerstören.

Schon jetzt gilt: Wir atmen aus Gott. Wir leben in Gott. Die göttliche Heimat ist schon bei uns, unter uns, in uns – durch den Heiligen Geist. Wir gehören zu Gott. Seine Liebe wird unsere Liebe in Ewigkeit.

Manche von uns wünschen sich nur einen Funken von dieser Gewissheit in diesen Zeiten! Nur einen Funken von diesem Glauben, dieser Liebe und dieser Hoffnung der ersten Auferstehungszeuginnen und -zeugen!

Haben wir es schwerer mit dem Glauben – besonders angesichts der Corona-Krise? Ich meine nicht. Man kann Glauben nicht erzwingen, wenn er da ist, so schenkt er Gewissheit. Aber man kann sich öffnen: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“
Unser Glaube ist begleitet vom Unglauben und Zweifel. Ist das schlimm? Ich meine nicht. Genauso sind wir Menschen. Und genauso sind wir auf Gottes Geist angewiesen.

Naturwissenschaftlich haben wir vieles verstanden. Ich wünsche mir, dass wir Menschen auch den Corona-Virus verstehen können, um ihn wirksam bekämpfen zu können.

Aber Gott kann nicht so verstanden werden wie ein naturwissenschaftliches Gesetz. Gott ist und bleibt ein Geheimnis – das wir auslegen können, das wir immer wieder bedenken und meditieren können, das aber letztendlich unserer Vernunft und damit unserer Verfügungsmacht entzogen ist.

Unsere Vernunft hat den Anfang des Glaubens nicht. Sie versteht den Grund des Glaubens nicht. Sie versteht das Handeln Gottes in der Geschichte nicht. Und den toten Menschen, der verklärt in Gottes Ewigkeit gegenwärtig lebt, am allerwenigsten.
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“

Historisch wissen wir von den Zeugen: Petrus, genannt Kephas, die Zwölf, mehr als 500 Brüder, Jacobus, die Apostel und am Ende auch Paulus. Aber Glauben bedeutet nicht, einem historischen Bericht glauben. Nur weil irgendwelche Menschen etwas gesehen haben, verstehen wir es heute nicht unbedingt. Es muss sich für uns wiederholen, sonst glauben wir es nicht. Es muss in unserem Leben wahr werden.
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“

Wir können nur Stammeln: Ehrlich vom Todeswissen sprechen, vom Übergewicht des Sterbens, vom Blick in ein sinnloses Leben, von unserem Ich, das gefangen ist im Spiegel seiner eigenen Welt. Und dann das andere, das Ereignis Gottes in dieser Welt: Jesus Christus, gestorben für unsere Sünden. Unsere Welt ist in ihm aufgebrochen für etwas ganz Neues, etwas ganz anderes. Das Neue kann man nicht machen, nicht kontrollieren, nicht erzwingen. Es ereignet sich – überraschend, plötzlich, unverfügbar.

Auferstehung nennt es Paulus, so nennen es die ersten Zeugen und Zeuginnen.
Und dann warten. Warten, still und offen sein. Gott ist der Grund. Gott ist jetzt. Gott schafft Neues.

Und dann auf seine Worte hören. „Ich tue euch, liebe Brüder und Schwestern, das Evangelium kund.“ Gott wird uns bewahren. Verstanden die Korinther das? Verstehen wir das heute in der Corona-Krise?

Sein Heiliger Geist schenkt uns Glauben. Glauben, das ist geschehene Auferstehung in der Zeit. Glaube an die Auferstehung ist Paradox des Glaubens. „In dir ist Freude in allem Leide“, bekennt der Glaube.

Gott ist in dem einem Menschen Jesus von Nazareth zu uns gekommen. Er wird unser Leben verklären. Der auferweckte Gekreuzigte lässt auch im Leiden und selbst im Tod Sinn aufscheinen. Im Glauben sind wir gewiss, dass es so ist. Wir können es nur bezeugen, stammeln und staunen. Das ist die hoffende Liebe des Glaubens.
Amen.

Gebet mit Lied EG 398 „In dir ist Freude“

1) In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! / Durch dich wir haben himmlische Gaben, / du der wahre Heiland bist; / hilfest von Schanden, rettest von Banden. / Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, / wird ewig bleiben. Halleluja. / Zu deiner Güte steht unser G'müte, / an dir wir kleben im Tod und Leben; / nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2) Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden / Teufel, Welt, Sünd oder Tod; / du hast's in Händen, kannst alles wenden, / wie nur heißen mag die Not. / Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren / mit hellem Schalle, freuen uns alle / zu dieser Stunde. Halleluja. / Wir jubilieren und triumphieren, / lieben und loben dein Macht dort droben / mit Herz und Munde. Halleluja.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. (4. Mose 6,24-26)
Amen

Predigt zum Karfreitag am 10. April 2020
(Pfarrer Jürgen Gossler)

Liebe Gemeinde,

„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ (Lukas 23,46)

Dieses Wort aus dem 31. Psalm hat Jesus nach dem Bericht des Evangelisten Lukas am Kreuz gesprochen, bevor er gestorben ist. Wohl dem, der im Angesicht des Leidens
...
und im Angesicht des Todes so beten kann. Wohl dem, der auch in der Stunde seines Todes Gott so vertraut.

„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Das sagt einer, der mit seinem irdischen Leben abgeschlossen hat. Das sagt einer, der weiß, dass es für ihn keine andere Erlösung von seinen Leiden mehr geben wird als den Tod. Jesus ergibt sich in sein Schicksal, weil er auch in diesem dunklen und schweren Schicksal noch auf den vertraut, den er „Vater“ nennt.

Aber was bedeutet das für uns? Heißt das, dass wir uns – nach dem Vorbild Jesu – willig in unser Schicksal ergeben sollen? Heißt das, dass wir dem Leiden keinen Widerstand entgegensetzen sollen?

Ich glaube nicht, dass man das aus dem Bericht von Jesu Tod herauslesen darf. Denn der Tod Jesu hat ja eine Vorgeschichte. Und zu dieser Vorgeschichte gehört eine Begebenheit am Vorabend des Todes Jesu, die Lukas so schildert:

Jesus ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger. Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: „Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“ Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete und sprach: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“
Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen. Und er stand auf von dem Gebet und kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend vor Traurigkeit und sprach zu ihnen: „Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt!“ (Lukas 22,39-46)

Auch hier erzählt Lukas also, wie Jesus zu seinem Vater im Himmel betet. Aber dieses Gebet hat mit Schicksalsergebenheit wenig zu tun. „Vater“, sagt Jesus, „willst du, so nimm diesen Kelch von mir!“ Und der Kelch ist hier ein Sinnbild für das Leiden bis zur bitteren Neige: für das Leiden bis zum Tod.

„Nimm diesen Kelch von mir!“ Jesus spricht diese Bitte in der Hoffnung, dass ihm Leiden und Tod erspart bleiben. Er lässt zwar erkennen, dass er sich in den Tod fügen wird, wenn es wirklich Gottes Wille sein sollte: „Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe“, sagt er. Aber Jesus lässt ebenso deutlich erkennen, dass er nicht leiden oder gar sterben, sondern leben will. Und so geht Jesus nicht gelassen in den Tod, sondern er kämpft gegen ihn an. „Er rang mit dem Tod“, erzählt Lukas. Und er fügt hinzu: „Und er betete heftiger.“ Und wer im Gebet mit dem Tod ringt, der ringt auch mit Gott. Und wie heftig dieses Ringen Jesu ist, wird besonders deutlich, wenn Lukas erzählt: „Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“ Wir würden heute sagen: Jesus hat Blut und Wasser geschwitzt. Und ich glaube: Das sagt deutlicher, wie Jesus zumute war, als viele Worte.

Die ganze Szene, die Lukas hier schildert, lässt für mich keinen Zweifel zu: Jesus hat Angst. So wie jeder Mensch, der spürt oder der gesagt bekommt, dass er bald sterben wird. Ja, Jesus hat Angst – Angst vor dem Tod. Und ich bin froh, dass die Evangelisten das nicht verschweigen. Ich bin froh, dass sie die Todesangst Jesu nicht totschweigen. Dass auch Jesus diese menschliche Urangst durchlebt und durchlitten hat, macht ihn für mich menschlich und glaubwürdig. Und vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich. Für mich ist es jedenfalls wichtig zu hören, dass sich Jesus in seiner Angst an Gott gewandt und zu ihm gesagt hat: „Vater, ... nimmt diesen Kelch von mir!“

Nun wissen wir aber, dass dieser Wunsch Jesu nicht in Erfüllung gegangen ist. Leiden und Schmerzen sind ihm nicht erspart geblieben. Und der Tod auch nicht. Und uns wird es einmal genauso gehen. Aber eines sollten wir darüber nicht vergessen: nämlich, dass Jesus im Namen Gottes Krankheiten geheilt und Leiden gelindert hat, wo immer er konnte. Und deshalb dürfen und sollen auch wir in der Nachfolge Jesu alles tun, was in unseren Kräften steht, um Krankheiten zu besiegen, Leiden zu lindern und Leben zu bewahren. Und wenn wir selbst von Krankheit und Leiden betroffen sind, dürfen wir um unsere Gesundheit und unser Leben kämpfen – und können dabei mit den Worten Jesu beten: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir!“ Und wir dürfen darauf hoffen, dass Gott uns diese Bitte erfüllt.

Und wenn es eines Tages wirklich einmal so weit ist, dass wir sterben müssen, wird uns die Angst vor dem Tod wahrscheinlich ebenso wenig erspart bleiben wie Jesus. Aber von Ostern her haben wir die Gewissheit, dass Gott den, der vor dem Tod Angst gehabt hat, durch den Tod hindurchgetragen hat. Das gibt uns Grund zu der Hoffnung, dass er das auch einmal mit uns tun wird. Und in dieser Zuversicht können dann hoffentlich auch wir einmal in unserer Todesstunde sprechen:

„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Amen.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
- Dietrich Bonhoeffer zur Erinnerung -
Predigt zum Gründonnerstag (Pfr. Johannes Zechmeister)

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Diese Verse haben vielen von uns schon geholfen. Sie geben Trost und Geborgenheit. Sie ermutigen
...
uns, wenn wir einer ungewissen Zukunft entgegengehen. Sie kräftigen uns, wenn die Zeit, in der wir leben, schwer ist. Diese Verse sind deshalb so gehaltvoll, weil sie aus tiefem Glauben verfasst worden sind. Bis heute vernehmen wir ihn aus ihnen. In ihnen spüren wir die Kraft, die ihr Verfasser aus seiner Beziehung zu Gott schöpfte, in einer Zeit, die all dies war: ungewiss, traurig, schwer. Doch in allem fühlte er sich von Gott behütet, begleitet und getragen. Gedichtet hat sie Dietrich Bonhoeffer. Am heutigen Tag jährt sich seine Hinrichtung zum 75. Mal. Anlass genug seiner zu gedenken. Der Gründonnerstag eignet sich dafür in besonderer Weise.

Denn wir erinnern uns an das letzte Passamahl Jesu mit seinen Jüngern. Es war der Abend, an dem er verraten, verhaftet, verleugnet und verurteilt werden sollte. Der Abend vor seinem Tod am Kreuz. Bevor Jesus von Judas verraten wurde, betete er im Garten Gethsemane. Seine Jünger bat er, bei ihm zu bleiben, ihn nicht allein zu lassen. Doch zuerst schliefen sie ein. Später liefen sie davon. Petrus, der immerhin den Mut hatte, zu dem Ort des Prozess zu gehen, verleugnete ihn. Die Jünger ließen Jesus an diesem Abend im Stich. Sie folgten ihm nicht nach.

Was es bedeutet, Jesus nachzufolgen, können wir an Dietrich Bonhoeffer erkennen. Er hat sich in der Zeit des Nationalsozialismus nicht vom Glauben an Gott abbringen lassen. Vielmehr sah er es als seine Pflicht an, aus der Nachfolge heraus Widerstand gegen dieses menschenverachtende Regime und seine tödliche Ideologie zu leisten. Er war sich dabei bewusst, dass ihn dies das Leben kosten könne. Das tat es schließlich auch. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet. Und dann, am 9. April 1945, hingerichtet auf persönlichen Befehl Hitlers. Er lebte die Nachfolge Jesu. Und die Kraft dazu gab ihm sein Glaube an Jesus, den Christus, dessen Geschichte noch weiter ging.

Jesus wird zum Tode verurteilt und hingerichtet. Doch das ist nicht das Ende. Er überwindet den Tod. Er wird von den Toten auferweckt. Er ist der Auferstandene, der uns zeigt, dass selbst der Tod mit all seiner Macht nicht stark genug ist, um uns von Gott zu trennen. Und so wie er von den Toten auferstanden ist, werden auch wir von den Toten auferweckt werden und ewig leben. Daran erinnern wir uns, wenn wir Abendmahl feiern. Und dieser Glaube an die Macht des lebendigen und lebensschaffenden Gottes gab Dietrich Bonhoeffer die Kraft, den Tod nicht zu fürchten. Er wusste sich getragen von Gott in einer dunklen, schweren Zeit. Und vor der Zukunft hatte er keine Angst. Denn ihm war gewiss: Seine Zukunft ist am Ende das ewige Leben bei Gott.

Diesen Glauben, dieses Vertrauen empfinden auch wir, wenn wir sein Gedicht singen. Wir brauchen keine Angst zu haben. Denn Gott umgibt uns. Trauer braucht uns nicht niederdrücken. Sie wird ein Ende finden. Wir haben allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu gehen. Denn unser Leben liegt in Gottes Händen.

Dass es sich lohnt, Dietrich Bonhoeffers zu gedenken, liegt daran, dass wir Vorbilder wie ihn benötigen. Menschen, die uns sichtbar werden lassen, welche Kraft im Glauben an unsren HERRn stecken kann. Denn es mangelt uns oftmals an diesem Glauben. Bonhoeffer war in seiner Zeit die Ausnahme. Die wenigsten brachten den gleichen Mut und die gleiche Bereitschaft auf wie er.

Mein Großvater war in dieser Zeit auch Pfarrer. Gerade ordiniert wurde er in den Krieg eingezogen. Als Mitglied der Bekennenden Kirche stand er dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber. Doch ein Widerstandskämpfer war er nicht. Als ich ihn einmal zu dem Krieg befragte, sagte er mir, dass die Alternative war, in den Krieg zu ziehen oder hingerichtet zu werden. Er zog in den Krieg. Hätte er sich anders entschieden, wäre ich heute nicht auf der Welt.

Hätte ich anders entschieden? Ich denke nicht. Den Mut Bonhoeffers hätte ich nicht aufgebracht, wie sein Glaube auch stärker war als meiner es ist. Daher tut es gut, Menschen wie ihn zu haben und seiner zu gedenken. Denn er zeigt, was dem Glaubenden möglich ist. Und er hilft uns so, die Grenzen unseres Glaubens zu erweitern. Aber was bedeutet das für uns heute?

Zunächst, dass wir nicht ängstlich sein müssen. Die Zeit der Pandemie ist eine unwirkliche. Das, was bisher selbstverständlich war, ist nun in Frage gestellt. Und was kommen wird, wissen wir nicht, weder für uns privat, noch für unsere Gesellschaft. Viele von uns sind von Sorge erfüllt. Oftmals sorgen wir uns um unsere Familien und Freunde, insbesondere um diejenigen, die als gefährdet gelten. Nicht wenige fragen sich, wie es beruflich weitergeht. Wird mein Betrieb die Krise überstehen? Werde ich meinen Beruf behalten oder arbeitslos werden? Fragen, die ganz existentiell sind, die unser Leben ganz tief treffen. Was genau geschehen wird? Darauf kann ich als Pfarrer ebensowenig eine Antwort geben, wie andere auch. Doch ich kann jeder und jedem sagen: Hab keine Angst. In allem bist du von Gott behütet und begleitet. Und das ewige Leben, das er geben wird, das ist die Zukunft, auf die wir zugehen, ich, du und all unsere Lieben. Das möchte uns Dietrich Bonhoeffer mit seinen Versen bis heute mit auf den Weg geben.
Das hatten übrigens auch die Jünger verstanden, nachdem sie unserem Auferstandenen HERRn begegnet sind. Auch ihnen war die Angst genommen, sogar die Angst davor, getötet zu werden, wie es nicht wenigen von ihnen widerfuhr. Denn sie wussten sich von Jesus getragen und begleitet. Dies erfuhren sie, wenn sie zusammen Abendmahl feierten, so wie uns das Abendmahl genau dies sagt: Gott hält seine Hand schützend über dir.

Dietrich Bonhoeffer konnte dies viel poetischer ausdrücken als es mir möglich ist. Und daher möchte ich die Predigt mit seinen Worten beenden, den Worten des Liedes „Von guten Mächten treu und still umgeben.“ Sie finden es im Gesangbuch unter der Nummer 65 oder im EG+ unter der 6.

EG 65 Von guten Mächten treu und still umgeben

1. Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.
2. Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.
3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.
4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz.
5. Laß warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so laß uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.
7. Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen und Ihren Lieben
Pfarrer J. Zechmeister

Gottesdienst für Zuhause - Palmsonntag, 5. April 2020
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Gemeinde,

wie kann man in dunkler Zeit glauben? Wie geht man mit seinen Ängsten und Sorgen um? Wir stehen in einer großen Geschichte des Glaubens mit vielen Glaubenszeuginnen und -zeugen, die im Leiden und in dunklen Zeiten ihren Glauben bekannt
...
und gelebt haben. Zwei von ihnen lernen wir heute kennen, einen unbekannten Propheten aus dem Jesajabuch und Jochen Klepper; beide lebten und glaubten in dunklen Zeiten.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

EG 731 - Psalm 69:

Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.
Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser.
Meine Augen sind trübe geworden,
weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.
Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade;
Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.
Errette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke,
dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen,
und aus den tiefen Wassern;
dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge
und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließe.
Erhöre mich, Herr, denn deine Güte ist tröstlich;
wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit
und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte,
denn mir ist angst; erhöre mich eilends.
Nahe dich zu meiner Seele und erlöse sie,
Gott, deine Hilfe schütze mich!
(Psalm 69,2-4.14-19a.30b)

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gebet:

Heiliger Gott, segne alle Menschen,
die in dieser Woche das Leiden und Sterben deines Sohnes bedenken.
Heiliger Gott, segne alle Menschen,
die in diesen Wochen Leid tragen, die sich ängstigen, die mutlos werden.
Lass uns im Leben, Leiden, Sterben und in der Auferweckung deines Sohnes
deine Liebe erkennen, die stärker ist als menschliche Mächte und natürliche Gewalten.
Das bitten wir dich im Namen Jesu. Amen.

Schriftlesung

Der Einzug in Jerusalem

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. 17 Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.
(Johannesevangelium 12,12-19 – Übersetzung: Luther 2017)

Predigt

Liebe Gemeinde!
„Man sollte was tun!“ – Das Warten und Nichtstun fällt in Zeiten der Corona-Krise schwer, ist vielleicht schon unerträglich geworden. Aber etwas tun bedeutet jetzt: Geduld haben, Spannungen aushalten, abwarten, zu Hause bleiben, den Aufrufen der Behörden folgen, sich informieren.

„Man kann das aber auch anders sehen“ – In Zeiten der Corona-Krise grassiert die Angst, die Unbelehrbarkeit bei manchen, die Fake-News, die alles nicht so schlimm sehen und alles als Panikmache verspotten.

„Wir sind doch keine Heiligen.“ – In Zeiten der Corona-Krise erleben wir, wie eng wir als Menschen weltweit verbunden sind und wie verletzlich unsere Zivilisation ist. Es ist nicht der Feind da draußen, es ist der Feind in uns, den wir – ungewollt – auf andere übertragen.

Gerne verstecken wir uns hinter dem „man“ und „wir“, dem „man sollte“, dem „wir haben nicht“ und dem „wir waren es nicht“. Jedenfalls schuld und verantwortlich sind immer die anderen, nie bin „ich“ als Person verantwortlich, nur die anderen und „man“.

Aber es gibt immer wieder Menschen, die bewusst, klar und deutlich „Ich“ sagen, die sich nicht verstecken und damit Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen. Wer „Ich“ sagt, hat einen Standpunkt. Wer „Ich“ sagt, wird erkennbar und damit auch angreifbar. „Ich sehe das so.“ „Ich bin schuld.“ „Ich bin verantwortlich.“ „Ich werde das nicht länger dulden.“ Die Position des „Ich“ fordert das „Du“ heraus, denn wer „Ich“ sagt, weiß sich immer auf ein „Du“ bezogen. Ohne das „Ich“ gäbe es kein „Du“ und umgekehrt. Und das „Ich“ sagt: „Ich will, dass Du mir zuhörst. Ich will, dass Du nicht ausweichst.“

Ein starkes „Ich“ findet sich im Buch des Propheten Jesaja im 50. Kapitel:

4 Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. 7 Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.
(Jesaja 50, 4-9; Übersetzung: Martin Luther 2017)

Der unbekannte Prophet, der hier unter dem Namen Jesaja schreibt, ist kein Egoist. Er ist auch kein Selbstdarsteller oder eine „Rampensau“, jemand, der immer im Mittelpunkt stehen muss. Aber er spricht selbstbewusst. Sein Selbstbewusstsein entspringt seiner Gottesbeziehung. „Ich kann mit den Müden zur rechten Zeit reden, weil Gott mir dazu die Zunge, und das heißt, die richtigen Worte gegeben hat. Ich höre schon am Morgen beim Aufstehen auf Gott, weil er mir das Ohr geöffnet hat. Ich weiche nicht zurück. Ich gebe meinen Standpunkt nicht auf, weil Gott mir hilft. Ich werde nicht innerlich zerstört, weil Gott mich gerecht spricht und er auf meiner Seite ist.“ Er sagt selbstbewusst „Ich“, weil Gott ihn trägt, weil Gott der Grund seines Daseins und die Quelle seiner Lebenskraft ist.
Der Prophet weiß, was er will, und er ist bereit, dafür auch einzustehen. Der Prophet ist ein Mensch, der seinen Auftrag, seine Mission von Gott hat. Er ermutigt die Müden und begegnet den Resignierten freundlich. Gleichzeitig widersteht er seinen Gegnern. Sie sind es, die ihn von seinem Auftrag abbringen wollen durch Lügen, Verachtung und Gewalt. Er hält es aus, dass man ihn anspuckt und ins Gesicht schlägt. Er erträgt es, dass man ihm den Rücken blutig peitscht. Er kann es aushalten, weil er weiß, dass er im Recht ist, und dass Gott sein Recht vertritt gegen alle, die ihn jetzt verdammen. Die ersten Christen sahen deshalb in dieser Gestalt des unbekannten Propheten Jesus, den Gekreuzigten.

Was wäre aus Gesellschaften und uns Menschen geworden, wenn es nicht immer wieder Persönlichkeiten gegeben hätte, die aus Liebe zu Gott und den Menschen, aus Liebe zu Gottes Geboten Unrecht und Ungerechtigkeit Widerstand geleistet haben? Was wäre aus unserer Kirche in der Nazidiktatur geworden, wenn es nicht immer wieder Christenmenschen gegeben hätte, die dem Unrecht widerstanden? Christen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzten? Dietrich Bonhoeffer, den Namen kennen viele. Paul Schneider, der Prediger von Buchenwald, ist nicht so bekannt. Und was ist mit den vielen Unbekannten, die im Kleinen und Stillen sich für Menschlichkeit und Gerechtigkeit eingesetzt haben und dabei ihr Leben ließen?

Ohne diese Menschen, die sich in Zeiten von Diktaturen und Unrechtssystemen für die Menschenwürde eingesetzt haben, hätten wir heute nicht diese Kirche und nicht diese Demokratie. Ohne die Menschen, die uns heute in Zeiten der Krise mit den lebenswichtigen Dingen versorgen, Medizin und Lebensmittel, das Abholen unseres Mülls, das saubere Wasser aus dem Hahn und vielem mehr, gäbe es kein friedliches und gerechtes Zusammenleben, kein Leben, das uns auch in Zeiten der Krise ein Leben in Würde ermöglicht.

Freiheit und Gerechtigkeit, die Würde des Menschen – das sind Güter, die es zu schützen und zu bewahren gilt – von uns allen. Das sind die Rechtsgüter, ohne die ein menschliches Leben nicht gut gelebt werden kann. Darum sollten wir die Menschen nicht herabsetzen oder gar verachten, die sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen, die für andere Fürsorge leisten, in Politik, Kirche und Gesellschaft, besonders jetzt.

Und wenn wir meinen, wir müssten sie kritisieren, so sollten wir uns fragen, welchen Beitrag wir für Freiheit, Gerechtigkeit und eine solidarische Gesellschaft leisten oder zu leisten bereit sind. Und nicht zuletzt, welchen Beitrag wir für die Stärkung und Weitergabe unseres Glaubens leisten. Es ist immer leichter zu kritisieren als selbst aktiv zu werden. Und manchmal, wie in der Corona-Krise, heißt aktiv sein, auch, auf Aktivitäten zu verzichten.

Am Palmsonntag gedenken wir Christen an den Einzug Jesu in Jerusalem. Jesus ist die Person, die ihre ganze Persönlichkeit von Gott hat bestimmen lassen. Und darum hat er von Gott, seinem Vater erwartet, dass er ihm Recht schafft. Jesus nahm sich der Schwachen und Kranken an. Er redete den Müden gut zu. Er griff das Unrecht durch die Mächtigen mit Worten an und schreckte vor ihren Drohungen nicht zurück. Er sagte bei der Verhaftung und beim Verhör: „Ich bin es.“ Er ließ sich schlagen, beschimpfen und anspucken. Aber er widerrief nichts. Jesus verriet niemanden und hielt die Liebe zu den Menschen durch bis zuletzt. In seinem ganzen Verhalten und in seinem Lebensschicksal spiegelt sich das, was in den Worten des Propheten beschrieben wird. „Gottesknecht“ wird der unbekannte Prophet genannt. Als „Gottesknecht“ haben die ersten Christen Jesus verstanden.

Später am Kreuz, bei seinem Tod, scheint alles verloren zu sein: Jesus scheint von Gott verlassen und preisgegeben zu sein. Seine Feinde scheinen gesiegt zu haben. Erst durch die Auferstehung wird erwiesen, dass Jesus nicht zuschanden wurde, dass Gott bei ihm war, auch im Tod, dass er gerecht gesprochen wurde und als Sieger aus dem Prozess mit seinen Feinden hervorgegangen ist. Für Pilatus, den römischen Statthalter, und Kaiphas, den Hohen Priester, die Jesus verurteilt hatten, galt: „Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.“

Im November 1938 geschah in Deutschland das, was man als sogenannte „Reichskristallnacht“ bezeichnet hat, ein Pogrom gegen die jüdischen Mitbürger. Auf Befehl Adolf Hitlers wurden Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte zerstört und geplündert, Juden geschlagen und verhaftet. In dieser Zeit lebte in Berlin der Schriftsteller und Dichter Jochen Klepper. Klepper war mit einer jüdischen Frau verheiratet und hatte deshalb Berufsverbot erhalten. Er durfte seine Texte nicht mehr veröffentlichen. Die Verbindung mit einer jüdischen Frau galt als Rassenschande. Seine Freunde gingen auf Distanz. Die beiden Stieftöchter hatten keine berufliche Zukunft mehr. Lehre oder gar ein Studium war ihnen aufgrund der geltenden Gesetze verwehrt. Jüdische Verwandte und Freunde seiner Frau waren ins Ausland gegangen. In dieser schweren Zeit richtete Jochen Klepper seine Arbeit immer stärker an der Bibel und am christlichen Glauben aus. 1938 veröffentlichte er unter dem Titel „Kyrie“ „Geistliche Lieder und Gedichte“. Sehr schnell wurden seine Texte für neue Glaubenslieder in der Bekennenden Kirche, die nichts mit den Nazi-Sympathisanten, den Deutschen Christen, zu tun haben wollten, bekannt. Sie wurden vertont und schließlich gesungen.

Einer dieser Texte mit dem Titel „Morgenlied“ findet sich in unserem evangelischen Gesangbuch unter der Nummer EG 452.

Klepper stellt programmatisch Worte aus unserem Predigttext voran: „Gott weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht.“

In Jochen Kleppers Tagebucheintrag vom 12. April 1938, dem Entstehungsdatum des Gedichtes, ist ebenfalls dieses Prophetenwort vorangestellt, und er schreibt: „Weicher, glänzender Tag. Meine kleinen Osterbesorgungen für Mutter, Frau und Töchter. In unserem alten Garten in der Seestraße blühen die alten Kirschbäume so schön. (…) Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50, 4.5.6.7.8, die Worte, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren.“

Und nun der Text dieses „Morgenlieds“:

Strophe 1: Er weckt mich alle Morgen; / er weckt mir selbst das Ohr. / Gott hält sich nicht verborgen, / führt mir den Tag empor, / dass ich mit seinem Worte / begrüß’ das neue Licht. / Schon an der Dämmerung Pforte / ist er mir nah und spricht.
Strophe 2: Er spricht wie an dem Tage, / da er die Welt erschuf. / Da schweigen Angst und Klage; / nichts gilt mehr als sein Ruf! / Das Wort der ewigen Treue, / die Gott uns Menschen schwört, / erfahre ich aufs Neue / so wie ein Jünger hört.

„Gott weckt mich alle Morgen. Mit seinem Worte begrüße ich das neue Licht.“ – Für Jochen Klepper hieß das: Ich beginne den Tag mit der Herrnhuter Losung, mit Gebet und einer biblischen Lesung. Und mit der Frage: Wofür kann ich danken? Und: Was will Gott heute von mir? Je schwieriger seine Lage wurde, desto mehr vertiefte er sich in die Bibel, die ihm zum Gotteswort wurde. Aus diesem Dialog mit der Schrift und mit Gott sind seine Lieder erwachsen, zwölf davon stehen in unserem Gesangbuch.

„Da schweigen Angst und Klage, nichts gilt mehr als sein Ruf.“ – Angst ist der ständige Begleiter der Familie Klepper. Der Lebensraum für Juden wird in Deutschland immer enger. Die Nazis werden immer mächtiger. Immer mehr Menschen verfallen der Nazi-Ideologie. Die Christen, die sich zur bekennenden Kirche halten und die NS-Diktatur ablehnen, geraten immer mehr in die Defensive. Ihr Einfluss und ihre Möglichkeiten werden immer kleiner.

Kleppers Stieftochter Brigitte kann nach England auswandern. Aber wie schwer ist die Trennung von der geliebten Tochter?! Die andere Tochter Renate muss die Schule verlassen und in einer Rüstungsfabrik arbeiten. So wie ihre Mutter, Jochen Kleppers Frau, ist sie von der Deportation in ein Konzentrationslager bedroht. Kleppers Tagebuch ist voll von Klagen. Aber im Gebet kommt er zur Ruhe, Angst und Klage schweigen.
„Er will, dass ich mich füge. Ich gehe nicht zurück.“ – Was heißt in solcher Bedrängnis „sich fügen“? Was heißt: „nicht zurückgehen“? Jochen Klepper kämpft. Er soll sich scheiden lassen, bevor die Zwangsscheidung staatlich angeordnet wird. Für ihn kommt das nicht infrage. Er betreibt die Ausreise der Tochter Renate nach Schweden. Er spricht beim Innenminister vor. Als alles scheitert – soll er sich fügen? Frau und Kind abtransportieren lassen und allein zurückbleiben?

„Ich werde nicht zuschanden. Gott macht mich ihm genehm.“ – Kurz vor Weihnachten 1942 beenden Jochen Klepper, seine Frau und seine Tochter durch eine Gasvergiftung in ihrer gemeinsamen Wohnung ihr Leben. Ist das das Ende seiner Kraft und seines Gottvertrauens? Oder ist es ein letzter möglicher Akt des Widerstandes, der dem NS-Regime die geliebten Menschen nicht zur staatlichen Tötung durch Vergasung überlässt? Ein Tod in Würde vielleicht? Der letzte Eintrag in seinem Tagebuch lautet: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Jochen Klepper hat mit seinen Liedern viele Menschen gestärkt, aufgerichtet und getröstet – bis heute. Und doch konnte er sich selber nicht helfen. So wie der unbekannte Prophet. So wie Jesus. Abhängig von Gott hat er „Ich“ gesagt. Er hat Gewalt hingenommen, widerstanden und auf die Auferstehung gehofft. Er hat an Gottes Führung gezweifelt und sich ihm doch immer wieder anvertraut – auch zuletzt.

Lebensschicksale aus dunklen Zeiten berühren mich, weil ich lerne, wie Menschen mit Lebensproblemen, Katastrophen und Schicksalsschlägen umgegangen sind. Ich kann davon lernen und mich fragen: „Was hilft mir?“ „Was kann ich lernen?“ Und auch: „Was kann ich nicht übernehmen?“

Betreffen uns heute die Worte des Propheten? Hat sich Kleppers Lied für uns erledigt? Diese Fragen muss jeder und jede für sich selbst beantworten. Ich will aber einige Hinweise geben, damit die Antworten nicht leicht und oberflächlich werden.
„Gott weckt mich alle Morgen. Mit seinem Worte begrüße ich das neue Licht.“ Ich beginne den Tag anders, wenn ich ihn mit Dank und Gottes Wort beginne. Ich lebe bewusster, wenn ich wie ein Jünger höre und frage, was Gott von mir will.

„Da schweigen Angst und Klage, nichts gilt mehr als sein Ruf.“ Geklagt wird viel in unserem reichen Land. Und Klagen ist so einfach. Auch herrscht in unserem Land bei Menschen die Angst. Wie gut ist es, wenn ich mein Leben auf einen festen Grund bauen kann, wenn ich jemanden habe, dem ich vertrauen kann und der mir hilft zu leben. Gott sucht Christenmenschen, die andere Menschen zu verstehen suchen, ihnen zuhören und ihnen durch Wort und Tat Mut und Hoffnung geben.

„Er will, dass ich mich füge. Ich gehe nicht zurück.“ Ich will mich nicht in der Weise fügen, dass ich alle Zustände hinnehme. Ich will mich nicht in der Masse verstecken, sondern sagen und tun, was ich tun und sagen kann, hinnehmen, was ich nicht ändern kann, und alles andere der Sorge Gottes überlassen.

„Ich werde nicht zuschanden. Gott macht mich ihm genehm.“ Nicht alles wird gut ausgehen. Nicht alles wird mir gelingen. Nicht alles werde ich richtig machen. Aber wenn Gott zu mir hält, wenn er mir vergibt, wenn ich aus seiner Vergebung lebe und handle, wenn er mich am Ende annimmt, dann ist alles gut.

Mit den Worten Jochen Kleppers:

Strophe 4: Er ist mir täglich nahe / und spricht mich selbst gerecht. / Was ich von ihm empfahe, / gibt sonst kein Herr dem Knecht. / Wie wohl hat’s hier der Sklave – / der Herr hält sich bereit, / dass er ihn aus dem Schlafe / zu seinem Dienst geleit’!

Strophe 5: Er will mich früh umhüllen / mit seinem Wort und Licht, / verheißen und erfüllen, / damit mir nichts gebricht; / will vollen Lohn mir zahlen, / fragt nicht, ob ich versag’. / Sein Wort will helle strahlen, / wie dunkel auch der Tag!
Amen.


Fürbitten / Vaterunser

Herr Gott, himmlischer Vater,
unsere Welt ist Angst vor der Corona-Pandemie.
Ich bete für die Menschen, die sich für andere in diesen Zeiten einsetzen
und sich um Kranke und Hilfsbedürftige sorgen.
Ich bitte dich für alle, denen es schwerfällt, mit sich selbst auszukommen.
Ich bitte dich um Kreativität, Mut und Gottvertrauen, dass wir alles in unserer Macht stehende tun,
damit die Pandemie eingedämmt und überwunden wird.
Ich danke dir für all die Menschen, die sich in diesen Tagen
für die Gesundheit und das Wohl der Menschen einsetzen.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.


Segen

Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. (4. Mose 6,24-26)
Amen.

Predigt zum 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 29. März 2020 (Pfarrer Jürgen Gossler)

Liebe Gemeinde,
im 10. Kapitel seines Evangeliums überliefert Markus eine Geschichte, die in der Lutherbibel die Überschrift trägt „Vom Herrschen und vom Dienen“.

35 Da gingen Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu Jesus und sprachen:
...
Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?
37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben, steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst: die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so soll es unter euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Liebe Gemeinde,
als Jesus und seine Jünger noch in Galiläa waren – also im Norden Israels, wo auch Jesu Heimatstadt Nazareth lag – hatten die Jünger schon einmal darüber gestritten, wer von ihnen der Größte sei. Aber Jesus hatte zu ihnen gesagt: „Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“ (Mk 9,35) Damit war das Thema vom Tisch. Zumindest vorläufig.

Doch es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, dass einer größer sein will als der andere: bedeutender, angesehener, einflussreicher, mächtiger. Und so dauert es nicht lange, bis das Thema wieder auf der Tagesordnung steht. Als Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem ist, kommen Jakobus und Johannes zu ihm. Sie gehören zu den ersten Jüngern, die Jesus berufen hat. Und sie haben eine Bitte an Jesus. „Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.“

Jakobus und Johannes sind davon überzeugt, dass Jesus auf dem Weg nach oben ist. Und zwar nach ganz oben. In Jerusalem wird er die Herrschaft über Israel antreten und dann die himmlische Herrschaft über die ganze Welt. Und Jakobus und Johannes, die Jünger der ersten Stunde, wollen an seiner Herrschaft teilhaben. Der Aufstieg Jesu ist auch für sie eine riesengroße Aufstiegschance. Und die wollen sie beim Schopf fassen. Wenn Jesus seine Herrschaft angetreten hat und die „Regierungsämter“ verteilt werden, dann wollen sie zu seiner Rechten und zu seiner Linken sitzen. Sie wollen also ihre Beziehung zu Jesus nutzen, um eine himmlische Karriere zu machen. Jesus soll ihnen zu den höchsten Positionen in der himmlischen Chefetage verhelfen. Karriere durch Vitamin B.

Doch die Bitte der beiden Jünger zu erfüllen – das überschreitet sogar die Befugnisse Jesu. Deshalb sagt er zu ihnen: „Zu sitzen … zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben, steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.“ Das war’s, könnte man sagen. Antrag abgelehnt.

Doch damit ist die Sache noch nicht erledigt. Jedenfalls nicht für die anderen Jünger. Das Anliegen von Jakobus und Johannes sorgt bei den anderen für Unmut. Die beiden wollen bevorzugt werden. Sie wollen Jesus näher sein und mehr Macht haben als die anderen. Und das stört empfindlich das Beziehungsgefüge. Markus berichtet: „Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.“

Die Formulierung, die Markus hier wählt, ist vielsagend. Wenn sonst in den Evangelien vom engsten Jüngerkreis Jesu die Rede ist, dann wird immer von „den Zwölfen“ gesprochen. So wie eine Fußballmannschaft aus elf Spielern besteht und deshalb als eine „Elf“ bezeichnet wird, so werden die Jünger in den Evangelien oft als „die Zwölf“ bezeichnet. Denn wie die elf Fußballspieler so bilden auch die zwölf Jünger eine Einheit.

Doch der Herrschaftsanspruch, den Jakobus und Johannes anmelden, droht diese Einheit zu sprengen. Und so ist plötzlich nicht mehr von „den Zwölfen“, sondern von „den Zehn“ die Rede. „Die Zehn“ stehen den beiden anderen Jünger gegenüber. Durch die Gemeinschaft der Jünger geht ein Riss. Aus „Mitspielern“ drohen „Gegenspieler“, aus „Teamkollegen“ Konkurrenten zu werden.

Doch als Jesus merkt, wie sich die zehn anderen Jünger über Jakobus und Johannes ärgern, ruft er sie zu sich. Er führt also die Jünger sofort wieder zusammen. Und dann sagt er allen Zwölfen, was er unter „Herrschaft“ versteht. „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder; und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es unter euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“

Die Größe eines Menschen zeigt sich für Jesus also in seinem Dienst an den Mitmenschen. Groß im Sinne Jesu ist nicht, wer seine Macht dazu benutzt, andere zu unterdrücken. Groß ist vielmehr, wer tut, was in seiner Macht steht, um anderen wieder auf die Beine zu helfen. Größe zeigt sich nicht in der gewaltsamen Durchsetzung der eigenen Interessen, sondern im Einsatz für das, was dem Wohl aller dient.

Und diesen Anspruch stellt Jesus nicht nur an seine Jünger, sondern auch an „den Menschensohn“. Und damit meint er sich selbst. „Denn auch der Menschensohn“, sagt Jesus, „ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Und wie wir wissen, hat Jesus das nicht nur gesagt, sondern auch getan.

Jesus ist also gekommen, um zu dienen. Das heißt aber nicht, dass er gekommen ist, um alles zu tun, was andere von ihm wollen. Das haben Jakobus und Johannes erfahren. Jesus ist vielmehr gekommen, um den Menschen deutlich zu machen, was Gott will. Deshalb lehrt er seine Jünger im Vaterunser, Gott zu bitten: „Dein Wille geschehe.“ Und damit Gottes Wille geschehen kann, lehrt Jesus die Jünger, nicht nur zu fragen: „Was können andere für mich tun?“, sondern „Was kann ich für andere tun?“ Oder besser noch: „Was können wir füreinander tun?“

Denn Gottes Wille ist eben nicht die auf Gewalt gegründete Herrschaft von wenigen über viele. Gottes Wille ist auch nicht eine Konkurrenzgesellschaft, in der jeder gegen jeden kämpft und die einen ihre Beziehungen ausnutzen, um auf Kosten anderer Karriere zu machen. Gottes Wille ist vielmehr eine Gemeinschaft, in der wir einander dienen. Eine Gemeinschaft, die nicht geprägt ist von einem Gegeneinander, sondern von einem Miteinander und Füreinander. Eine Gemeinschaft, in der die Starken die Schwachen nicht unterdrücken, sondern tun, was in ihren Kräften steht, um den Schwachen zu helfen.

Wie wichtig, ja lebenswichtig eine solche Gemeinschaft sein kann, zeigt sich in der augenblicklichen Situation besonders deutlich. Die Corona-Krise führt uns vor Augen, dass wir alle in einem Boot sitzen. Und wir werden diese Krise nur gut bewältigen, wenn wir uns als Dienstgemeinschaft begreifen. Wie groß jemand ist, zeigt sich gerade jetzt im Dienst an den Schwachen. Groß sind vor allem die Ärztinnen und Ärzte und die Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenwohnheimen, die sich aufopferungsvoll um die kranken und alten Menschen kümmern.

Aber nicht nur alte und kranke Menschen sind durch das Virus gefährdet, sondern auch junge und starke. Wenn sie sich infizieren – und diese Gefahr besteht für jeden und jeden – können auch sie in kürzester Zeit von Starken zu Schwachen werden, die selbst auf die Hilfe und Fürsorge anderer Menschen angewiesen sind.

Gerade jetzt brauchen wir deshalb Menschen, die nicht in erster Linie an ihren persönlichen Vorteil und an ihre Karriere denken, sondern an das Wohlergehen aller. Menschen, die sich als Teil einer Dienstgemeinschaft begreifen und sich in den Dienst ihrer hilfsbedürftigen Mitmenschen stellen, sind für Jesus groß. Denn sie tragen dazu bei, dass der Wille Gottes nicht nur im Himmel geschieht, sondern auch auf Erden. Amen.

Predigt zum 4. Sonntag in der Passionszeit (Laetare), 22. März 2020 (Pfarrer Karl Josef Gruber)

Liebe Leserin, lieber Leser,

der heutige Sonntag trägt den Namen „Laetare“. Das ist Lateinisch und bedeutet: „Freue dich.“
Unpassender könnte es jetzt nicht sein.
Wer kann sich jetzt schon freuen
- in der Sorge um die eigene Gesundheit
- in
...
der Sorge um die eigene Existenz
- in der Sorge um die eigene Versorgung?
Aber da ist es ja gerade die Herausforderung des Glaubens, dass wir darauf vertrauen: Wir sind in Gottes Hand. Und Gott meint es gut.

Davon lesen wir auch im heutigen Predigttext aus dem Buch Jesaja:

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. (Jesaja 66,10-14)

Was für ein schönes Bild, liebe Gemeinde, das Bild einer Mutter, die ihr Kind stillt. Eben hat es noch geschrien, weil der Magen zwickt und ein Baby nicht weiß, was Zeit ist. Jetzt ist es in Not, jetzt hat es Hunger, jetzt braucht es Nahrung. In dem Moment, wo es sie bekommt, ist alles gut.
Später lernen wir allmählich, was Zeit ist. Wir verstehen, was Warten-müssen heißt. Ein 30-jähriger, der sich schreiend und mit den Händen trommelnd auf den Boden wirft, weil er nicht gleich bekommt, was er will, erntet vernichtende Blicke und Kopfschütteln, aber gewiss kein Verständnis. Ja, wir müssen sogar lernen, Abschied von ganz berechtigten Wünschen zu nehmen, die sich aber nicht realisieren lassen.

Für mich war das in der vergangenen Woche eine harte Übung. Ich hatte mich riesig auf den Besuch unserer Bischöfin gefreut. Zum ersten Mal seit Bestehen unserer Kreuzkirche in Eiterfeld wäre jemand in diesem Amt dagewesen und hätte mit uns Gottesdienst gefeiert. Es war gut gerichtet: Der Eiterfelder Gesangverein und unser Posaunenchor sowie unsere Organistin hatten ihre Mitwirkung zugesagt, drei Konfirmandinnen wollten mitmachen und Mitglieder des Kirchenvorstandes wie auch die Sprecherin des Pfarrgemeinderates wollten die Fürbitten übernehmen, einige wollten für das anschließende Kaffeetrinken sorgen, Kaffee und Milch waren schon eingekauft. Längst war auch der Gottesdienst entworfen und mit unserer Bischöfin abgesprochen. Es war alles breit für den besonderen Tag.

Und dann ging es los. Am Mittwoch rief mich der Vorstand des Chores an, dass angesichts der Bedrohung durch das Virus es dem Chor nicht leicht falle zu singen. Schließlich würden sie dicht an dicht auf der Empore stehen und viele Sängerinnen und Sänger seien auch in dem Alter, das als besonders bedroht gilt. Ich machte dem Vorstand Mut, von seiner zugesagten Mitwirkung Abstand zu nehmen. Am Donnerstagabend trafen sich dann die Kirchenvorstände zu einer Sondersitzung: Wie sollten wir mit dem Besuch der Bischöfin umgehen? Wir wollten uns dieses besondere Ereignis nicht entgehen lassen und beschlossen, jedoch auf das Kaffeetrinken zu verzichten.
Ein Austausch mit unserer Bischöfin ergab dann am Freitagmorgen: Es ist nicht richtig, dass sie kommt, wo bereits hier und da Gottesdienste abgesagt werden. Und dann kam am Freitagnachmittag das Aus für alle kirchlichen Veranstaltungen bis zum behördlichen Verbot am Samstag.

Ich habe am Sonntagmorgen dann mit einigen Wenigen, die sich doch in der Kirche eingefunden hatten, gebetet und den Segen gesprochen. Auf die Frage, wann wieder Gottesdienst ist, musste ich zum ersten Mal in meinem Leben sagen: Ich weiß es nicht.
So wie ich haben auch Sie die letzten Tage erlebt. Es geht immer etwas weniger als gestern. Das verunsichert ganz gewaltig. Spätestens als ich erst im dritten aufgesuchten Geschäft vier klägliche Rollen Toilettenpapier bekam, war es mir bewusst, wie groß die Sorge bei manchen Menschen ist, dass es nicht mehr weitergehen, dass Dinge des alltäglichen Lebens fehlen, dass wir nicht mehr versorgt sein könnten. Solange wir uns mit kleinen landwirtschaftlichen Nebenbetrieben noch selbst mit Lebensmitteln versorgten, waren wir da unbekümmerter. Jetzt fahren oder gehen wir mindestens einmal in der Woche zum Einkaufen – und wenn uns da ein Regal leer entgegenkommt, sind wir alarmiert. Wir bekämen es jetzt ja wirklich nicht – fein raus sind da die Älteren, die noch selber einmachen und die Gefriertruhe mit eigenen Produkten voll haben. Aber die Regel ist doch die, dass wir ganz abhängig sind von dem Angebot der Geschäfte.

Wir können uns aber damit trösten, dass wir in einem hochorganisierten Land leben. Es wird gesorgt. Da bin ich gewiss. Und wenn es einen Tag lang keine Gurken gibt, sind doch noch Tomaten da. Aber es kommt doch in manchen von uns das Gefühl des hungrigen Säuglings hoch, der kein Morgen kennt, sondern jetzt will und braucht.

Unser Predigttext ist für Menschen geschrieben worden, die Grundlegendes entbehren mussten: Den Frieden. Das Heilige Land liegt in einer Zone, wo ständig Krieg war und auch heute ist. Da tun sich Sorgen auf: Welche Zukunft haben meine Kinder? Wie versorgen wir die Alten? Was kann ich zum Lebensunterhalt tun? Wie lange kann ich noch bleiben – oder wann werde ich verjagt?
Der Prophet hält den so geängstigten Menschen das Bild des an der Mutterbrust gestillten Kindes vor: So ist Gott zu euch. Solch einen Gott habt ihr! Laetare Ierusalem – Freue dich, Jerusalem!

Und Jesus sagt uns: Ich bin für euch das Brot, das euch zutiefst nährt. Das Brot, das sagt: Auch und gerade jetzt trägt die Liebe. Ich verschenke mich an euch – und verschenkt ihr euch weiter! Es sieht so aus, als würde man dadurch verlieren, es sieht so aus wie es mit dem Weizenkorn ist, das ausgesät wird, das scheinbar verloren geht, dem Zugriff der Menschen entzogen. Aber das Korn, das in der Erde vergeht, wächst zu einer neuen Pflanze heran und bringt viel Frucht!
Vielleicht machen wir es an diesem Sonntag so, dass wir Getreidekörner in einen Blumentopf stecken – und Ostern wird es über der Blumenerde grün sein.

Liebe Schwestern und Brüder,
bitten wir um diese Zuversicht, dass wir von Gott getröstet und von Jesus genährt werden – auch in dieser Zeit, in der wir manches entbehren müssen, was sonst normalerweise zu unserem Leben gehört. Und seien wir selber Brot und Trost, indem wir zum Beispiel andere anrufen oder ihnen schreiben – oder gerade für die sorgen, von denen wir wissen, dass sie es selber jetzt nicht gut selber tun können.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Gebet
Guter Gott, tröstende Mutter, Brot des Lebens, wir beten um Zuversicht
- Für die Menschen, die jetzt in Not und Sorge sind
- Für diejenigen, die in Krisenstäben dafür Sorge tragen, dass unser Gemeinwesen funktionieren kann
- Für die Erkrankten und die, die an ihrer Seite sind
- Für die Menschen in medizinischen und pflegerischen Berufen, die sich selbst der Gefahr einer Ansteckung aussetzen müssen
- Für diejenigen, die schon lange die Sorge einer ungewissen Zukunft ertragen müssen: Die Hungernden und Geflüchteten überall in der Welt
- Für die Eltern, die sich viel ausdenken müssen in der Betreuung ihrer Kinder
- Für diejenigen, die jetzt arbeiten – zum Wohl von uns allen, dass ihnen Respekt und Dankbarkeit begegnen
- Für uns, dass wir neu danach fragen, was uns im Leben trägt und tröstet – dass wir es bei Jesus, dem Brot des Lebens, bei Gott, der liebenden Mutter, dem Heiligen Geist, dem lebendigen Tröster finden können

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Verfasser: Pfarrer Karl Josef Gruber, Friedländer Weg 2, 36132 Eiterfeld
Der Text ist auch als pdf-Datei zum Weitersenden im Pfarramt erhältlich. Eine Nachricht an mail genügt.

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch: 2. Kor 5,17
(Pfarrer Harald Krüger)

Liebe Leserinnen und Leser,

Sonntagnachmittag war ich mit dem Rad unterwegs. Ein bisschen Bewegung schadet nicht und überhaupt gehört das für mich zum dritten Sonntag nach Ostern. Wenn es nicht gerade Bindfäden regnet, besuche ich mit dem Rad die
...
Konfirmandinnen und Konfirmanden bei ihren Feiern, wechsele ein paar Worte mit ihnen, ihren Familien und ihren Gästen. Eine schöne Angewohnheit für den Tag, der morgens schon früh mit den Fotos fürs Familienalbum beginnt und im festlichen Gottesdienst gipfelt.

Aufregend ist das für alle Beteiligten, natürlich für die einen, die diesen Übergangsritus als etwas Einmaliges erleben, aber auch noch für mich nach über 25 Konfirmationen.
Während die Familien an die Festtafeln eilen, kann ich etwas entspannen und dann geht es aufs Rad von Haus zu Haus.

Diesmal kam bekanntlich alles ganz anders. Keine Festlichkeit, stattdessen Unsicherheit, wie und wann es weitergeht, wann die Feier endlich stattfinden kann. Ein weiterer Sonntagmorgen ohne Einladung der Glocken zum Gottesdienst. Ein weiterer Sonntagmorgen mit ausgelegter Lesepredigt und anschließendem Fernsehgottesdienst.
Dann wollte ich wenigstens an der traditionellen Radtour festhalten. Einmal quer durch die Gemeinde über Rasdorf und Großentaft nach Eiterfeld und anschließend noch einmal um den Soisberg herum. Das Wetter war passend, nicht allzu heiß, eher heiter bis wolkig, und es war ein schöner Weg durch die aufsprießende Natur.

Ja, es war nicht zu übersehen, der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Der Frühling wird sichtbar und spürbar und nach dem Regen der letzten Woche erscheint vieles passend zur Jahreszeit frisch und neu. Das tut mir gut. Die Natur lässt sich den Neuanfang nicht nehmen. Auf die Blüte folgt das junge Grün. Als dazu noch ein Kuckuck zu hören war und auf einer Weide ein gerade geborenes Kälbchen versuchte, zum ersten Mal auf die eigenen Beine zu kommen, da wurde mir bewusst: ja, das Neue lässt sich nicht aufhalten. Es kommt, es wird. Es hat schon längst angefangen.

Vielleicht liegt es an meinem Beruf als Pfarrer, dass mir jene Worte in den Sinn kamen, mit denen Jesus auch das Reich Gottes verkündet. Es kommt, es wächst wie ein Senfkorn und wird unübersehbar zum großen Strauch.

Das ist die neue und gute Nachricht, die ich zu sagen habe, die Osterbotschaft. Mit Jesus hat das Neue begonnen. Durch seinen Tod und die Auferstehung wird uns eine Beziehung zu Gott und zur Welt ermöglicht, die durch nichts und niemand beeinträchtigt werden kann, die uns neu macht und neue Anfänge schenkt. Für den Apostel Paulus war das eine einschneidende Lebenserfahrung, die ihn auf weite Reisen geführt hat, um diese Botschaft überall hinzubringen. So schreibt Paulus auch an die Gemeinde in Korinth:

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Kor 5,17

Von diesem Neuanfang hätte ich unseren Konfirmandinnen und Ihren Familien am Sonntag auch gerne schon jetzt erzählt, mit ihnen gefeiert und gejubelt. Nun verschieben wir es durch dieses merkwürdige neue Virus. Und nicht nur das. Wir machen uns Sorgen. Die Ansteckungsgefahr verpflichtet uns zur Vorsicht im täglichen Leben, Gesichter mit Masken zu verhüllen und Kontakte so weit wie möglich einzuschränken.

Ich gestehe, auch ich fühle mich hin und hergerissen. Am liebsten würde ich wieder zur Tagesordnung übergehen. Gerne hätte ich alles beim Alten, doch selbstverständlich möchte ich niemand gefährden.

Also braucht es Geduld. Und Hoffnung. Das Neue kommt und das Virus wird nicht das letzte Wort haben. Das Neue, was wir erhoffen, es hat schon angefangen. Es zeigt sich in unserem geduldigen Umgang mit der Situation und in unserer Empathie füreinander. Schon das allein sind kleine Wunder. Und überall sehen wir jetzt im Frühling: Das Leben ist da. Wir dürfen uns auf Neues einstellen und werden gestärkt und ermutigt. Gott sei Dank.

Pfarrer Harald Krüger, Mansbach

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch: Psalm 98,1
(Pfarrer Karl Josef Gruber, Eiterfeld)

Liebe Leserinnen und Leser,
singen Sie gern? Vielleicht auch nur heimlich unter der Dusche? Ich kann mir jedenfalls mein Leben ohne Gesang nicht vorstellen. Schon von Kindheit an habe ich viel gesungen. Das hat meine Stimme trainiert.
Es gibt Lieder,
...
die rühren mich an, die bewegen mich, die bringen etwas von mir zum Ausdruck, was ich mit Worten allein nicht könnte.
Singen Sie auch gerne neue Lieder? Das macht erst einmal Mühe, sie kennen zu lernen, sich in Text und Melodie hineinzufinden. Mir ist es ein Anliegen, mir Schritt für Schritt das ein oder andere anzueignen und an die Gemeinde weiterzugeben. Aber manchmal schaffe ich es auch nicht – dann bleibt ein vielleicht gutes Lied stumm liegen.
Neue Lieder. Daran erinnert uns der Wochenspruch zum Sonntag Cantate. „Cantate“ bedeutet: „Singt!“ An ihm steht Psalm 98 im Hintergrund: „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder!“
Haben Sie schon Wunder erlebt? Etwas Überraschendes, womit Sie nicht gerechnet haben? Wir sagen vielleicht auch einmal: „Da hilft nur noch ein Wunder.“ Das sagen wir wahrscheinlich, wenn unsere eigenen Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft sind. Ein Wunder ist etwas, worüber wir nicht verfügen können. Wir können es allenfalls erleben, überraschend, nicht wirklich zu erklären. Dabei geht es vorrangig gar nicht um übernatürliche Phänomene. Es geht um das Erlebnis, Wendungen im Leben zu erfahren, die befreiend und erleichternd sind; zum Beispiel die Erfahrung bewahrt worden zu sein, obwohl das Unglück schon vor Augen stand, oder die, unvorhergesehen beschenkt worden zu sein.
Die Geburt eines Kindes kann solch ein Wunder sein. Die Zeugung eines Kindes, die Schwangerschaft und den Geburtsvorgang kann jeder Mediziner und Naturwissenschaftler erklären. Insofern ist das alles kein Wunder. Aber wer Mütter und Väter fragt, wie es war, ihr Kind zum ersten Mal zu sehen und in die Arme zu nehmen, der weiß von einer Dimension des Lebens, die wir nicht im Griff haben, die wir nicht machen und kontrollieren können.
Die Bibel erzählt von solchen Geschichten. Damals haben sich die Menschen vieles nicht erklären können. Die Naturwissenschaften waren noch nicht so weit. Aber mit den Menschen aus biblischen Zeiten sind wir dennoch darin verbunden; damals wie heute geht es bei Wundern um unerwartbare Ereignisse, die unser Leben verändern und die wir nie vergessen werden.
Das Wunder des Lebens wird uns in der Osterzeit besonders bewusst. Jesus ist von den Toten auferstanden. Gott hat ihn auferweckt. Er wurde gesehen. Das sind die biblischen Formulierungen für das Wunder, das Ostern geschah. Da war einer, dessen Tod man gesehen hatte; der war danach dennoch zu erleben – und er ist es auch heute. So sehr erlebbar, dass er Menschen auch heute Mut macht, dem Schwierigkeiten, ja sogar dem eigenen Tod ins Auge zu sehen und sagen zu können: Der ist das Ende nicht.
Singet dem HERRN ein neues Lied; denn er tut Wunder!
Wer aufmerksam in die Welt und auf das eigene Leben schaut, entdeckt die Wundertaten Gottes immer aufs Neue. Und so manche kommen darüber zum Singen.

Gebet
Du lebendiger Gott,
dir will ich meine Lieder singen,
meine Lieder der Freude und der Trauer,
die Melodien meines Gelingens und meines Scheiterns.
Mit deinen Engeln will ich dich loben für deine wunderbaren Taten,
für dein heilsames und befreiendes Eingreifen,
für deine Liebe, die trägt und motiviert,
für die Kraft deines Heiligen Geistes, die auch mich manchmal durchflutet.
Ich bitte dich in diesen Tagen für alle Menschen, die auf ein Wunder warten,
für alle, die in diesen Tagen vom Leben abgeschnitten sind in ihren Häusern, Heim- und Krankenhauszimmern,
für alle, die immer aufs Neue erwägen müssen, was in diesen Tagen erlaubt werden kann oder verboten werden muss,
für alle, die jetzt nicht singen können, denen die Stimme versagt angesichts ihres Leides,
für alle, die für andere da sind,
für alle, die Musik unterrichten und musizieren, in Chören singen oder allein.
Du gibst uns immer aufs Neue Grund, in das Lied der Schöpfung einzustimmen.
Halte uns in dir geborgen und wachsam für deine Wunder.
Amen.

Segen
Es segne und behüte dich der treue und liebende Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch: Joh 10,10a,27-28a
(Prädikantin Gabriele Weidig)

„Christus spricht: Ich bin der gute Hirte.
Meine Schafe hören meine Stimme,
und ich kenne sie und sie folgen mir;
und ich gebe ihnen das ewige Leben.“
Johannes 10,11a.27–28a

So, liebe Leserinnen und Leser, lautet der Wochenspruch aus
...
dem 10. Kapitel des Johannesevangeliums, der uns als eine Art Motto in dieser Woche begleitet.

Das Bild des guten Hirten ist vielen von uns ans Herz gewachsen und zum Inbegriff von Geborgenheit und Fürsorge geworden. Es begegnet uns in der Bibel an vielen Stellen, im Alten wie im Neuen Testament: der Hirte, der sich aufopferungsvoll um seine Herde kümmert, der jedes einzelne seiner Schafe kennt, seine Tiere vor Angreifern schützt und sie dorthin führt, wo sie ihren Hunger und Durst stillen können. Dieses Bild konnten die Menschen damals gut nachvollziehen – sie wussten, was eine solche Fürsorge wert war, da brauchte es keine weitere Erklärung. Und obwohl sich die Welt inzwischen stark gewandelt hat, geht das vielen von uns heute noch immer so.

Auch ich freue mich immer wieder aufs Neue, wenn ich beim Spazierengehen einen Schäfer mit seiner Herde erblicke – hier in Hünfeld kann man das recht häufig an den Hängen des Weinbergs beobachten. Dann bleibe ich meistens eine Weile stehen und genieße diesen Anblick, der mir aus der Ferne den Eindruck von einer heilen, behüteten Welt vermittelt.

Aber – wenn ich dann mal genauer darüber nachdenke: Gefällt mir der Vergleich wirklich? Jesus Christus als der gute Hirte – klar, da bin ich ganz dabei. Aber ich als Schaf? Wer um Himmels willen wäre denn gern ein Schaf? Ich glaube die wenigsten von uns. Denn damit verbinden wir doch Naivität, Hilflosigkeit und Abhängigkeit. Ohne den Schutz und die Fürsorge eines Hirten sind Schafe wehrlos und ausgeliefert – und wir modernen Menschen, wir sind doch das Gegenteil! Wir sind selbstbestimmt, wir wissen uns zu behaupten, wir meistern unser Leben und haben alles im Griff!

Doch tief in uns ahnen wir, dass das eben nicht die ganze Wahrheit ist. Und manchmal erfahren wir es auch persönlich: zum Beispiel durch eine Diagnose, die alles verändert, oder durch einen Unfall, nach dem nichts mehr so ist, wie es war. Beispiele gibt es viele. Auch die Corona-Krise, die wir gerade im Moment erleben, hat unser Leben wie aus dem Nichts grundlegend verändert und uns gezeigt, dass wir längst nicht alles so im Griff haben, wie wir es gerne hätten. Diese Zeit wird tiefe Spuren hinterlassen, auch wenn wir sie irgendwann einmal überstanden haben.

Gerade jetzt in dieser Zeit spüre ich umso mehr, wie gut es tut, darauf vertrauen zu können, dass unser guter Hirte uns behütet – und zu wissen, dass er auch in diesem dunklen Tal an unserer Seite ist und unsere Sorgen und Probleme, unser Leid mit uns teilt. In dieser Gewissheit kann ich trotz allem zuversichtlich in die Zukunft schauen. Amen.

Bleiben Sie behütet!
Prädikantin Gabriele Weidig, Hünfeld

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch: 1. Petrus 1,3
(Pfarrer Stefan Remmert)

Liebe Schwestern und Brüder auf dem Weg des Glaubens,

wir Christen haben nicht nur eine lebendige Hoffnung, sondern wir sind auch selbst – du und ich – eine lebendige Hoffnung. So lesen wir es im aktuellen Wochenspruch aus dem 1. Petrusbrief:
...


„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ (1.Petr 1,3)

Unsere Hoffnung gründet sich in der Auferstehung Jesu. Wäre er nicht auferstanden, so wäre die Welt vergangen, wie es in einem alten Osterlied heißt. Was aber ist Auferstehung? Der Pfarrer Kurt Marti beantwortet die Frage „Was ist Auferstehung?“ in einem seiner Gedichte so:

Was ist Auferstehung?

Ihr fragt, wie ist die Auferstehung der Toten? / Ich weiß es nicht.
Ihr fragt, wann ist die Auferstehung der Toten? / Ich weiß es nicht.
Ihr fragt, gibt es eine Auferstehung der Toten? / Ich weiß es nicht.
Ihr fragt, gibt es keine Auferstehung der Toten? / Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, wonach ihr nicht fragt: / Die Auferstehung derer, die leben.
Ich weiß nur, wozu Er uns ruft: / Zur Auferstehung heute und jetzt!

Die Auferstehung Jesu hinterlässt uns viele Fragen, auf die wir keine Antwort finden. Jeder Versuch, die Auferstehung Jesu biologisch oder naturwissenschaftlich erklären zu wollen, wird meiner Meinung nach scheitern. Was aber nicht scheitert, ist, dass die Tatsache der Auferstehung Hoffnung in meinem und deinem Leben bewirkt. Die Tatsache, dass Jesus auferstanden ist, rufen wir uns in unseren Ostergottesdiensten zu: „Der Herr ist auferstanden!“; ja, „Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Das gibt mir Hoffnung und Sicherheit, weil ich darauf vertraue, dass Gott in Jesus Christus durch den Heiligen Geist in meinem Leben wirkt. Ich sehe das an den ersten Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung. Von ihnen wird berichtet, dass sie sich angesichts der Nachricht fürchteten und vom Grab flohen. Und plötzlich – ein unverfügbares Geschehen – verkündigte dieser ängstliche Haufen voller Mut und Zuversicht, dass Gott den Tod besiegt hat.

Wie das geschehen ist und noch heute geschieht, bleibt ein Geheimnis Gottes; aber dass es geschieht wird sichtbar und wirkt in unsere Welt.

Zeichen der Auferstehung können sein: Eine unverhoffte Problemlösung, eine Versöhnung nach einem heftigen Streit, Überwindung von Angst und Resignation, eine gute Diagnose während einer Krankheit.

Das sind für mich Hinweise, dass die lebendige Hoffnung in uns Menschen wirkt. Mehr nicht. Denn die Hoffnung ist mir und dir nicht verfügbar; nicht wir haben die Hoffnung, sondern die Hoffnung hat uns, weil Gott uns zu einer lebendigen Hoffnung widergeboren hat. Keiner kann sich selbst gebären; wir werden geboren. Geburt widerfährt uns und wir können uns nicht selbst gebären.

In diesem Sinne beendet auch Kurt Marti sein Gedicht:

Ich weiß nur, wonach ihr nicht fragt: / Die Auferstehung derer, die leben. / Ich weiß nur, wozu Er uns ruft: / Zur Auferstehung heute und jetzt!

Als lebendige Hoffnung stehen wir heute und jetzt auf und bauen mit an einer guten Welt für alle. Amen.

Oster-Gemeindebrief


Oster-Gemeindebrief des Kooperationsraums Hünfelder Land

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Monatsspruch "August 2020"

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Ps 139,14
Erzieher (m/w/d) gesucht
für unseren Kindergarten "Zum Heiligen Kreuz"
Nähere Informationen und die Stellenbeschreibung
Videoandacht aus der Hünfelder Stiftskirche
zum 2. August 2020
Das 'Wort des Tages'
und eine Andacht zu den jeweiligen Sonntagen finden Sie auf der
Gottesdienst
::: Sonntag, den 6. September 2020
14.00 Uhr Gottesdienst des Kooperationsraums Hünfelder Land im Steinbruch bei Steinbach (bei Regenwetter in der Steinbacher Kirche) mit Vorstellung des Jahrespraktikanten für die Jugendarbeit
::: Sonntag, den 27. September 2020
10.00 Uhr und 11.00 Uhr Gottesdienst zur Einführung der neuen Konfirmand*innen
::: Sonntag, den 4. Oktober 2020
10.00 Uhr und 11.00 Uhr Gottesdienst zum Erntedankfest
::: Samstag, den 31. Oktober 2020
18.00 Uhr und 19.30 Uhr Reformationsgottesdienst